Zurück Hoch Weiter

Norbert Schrödl:

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Letzte Neujahrsgrüße Cronberg, 8.1.1901.
Gleichzeitig mit dem neuen Jahr ist der Winter eingezogen. In der Sylvesternacht fiel der erste Schnee, und am Neujahrsmorgen lag die Landschaft im schönsten Winterschmuck. Die Kaiserin sandte Norbert am Neujahrstag, zur Dekoration seines Ateliers, eine große Fruchtguirlande, die bereits wirkungsvoll über der Türe hängt. Es ist rührend, daß sie mit all ihren Schmerzen noch daran denkt, Anderen Freude zu wachen. Graf Seckendorff stellt sich jetzt fast jeden Abend ein. Es tut ihm offenbar wohl, sich auszusprechen, nachdem er einmal Zutrauen gefaßt hat.
Schlimme Nachrichten über Queen Victoria Cronberg, 19.1.1901
Als ich heute bei Reischachs in der Cottage Tee trank, erschienen plötzlich Prinzessin Victoria und Prinzessin Margarete und erzählten, vor einer Stunde sei eine englische Depesche über Berlin eingetroffen mit der Nachricht, daß "the Queen seriously" erkrankt sei, Prinzessin Victoria hatte die Depesche am Bett der Kaiserin geöffnet und laut vorgelesen in der Meinung, es sei die Antwort des Herzogs von Connaught, der, von Berlin kommend, in Friedrichshof erwartet wird. Die Nachricht hatte die Kaiserin, die sehr an der Mutter hängt, sehr erregt. Während die Prinzessinnen noch beratschlagten, was sie tun sollten, falls schlimmere Meldungen einliefen, brachte ein Lakai eine zweite Depesche worin der Kaiser mitteilte, daß er heute Abend nach London und die Kaiserin nach Homburg abreisen werde. Danach scheint das Schlimmste bevorzustehen, was der Kaiserin nicht verheimlicht bleiben kann. Ich wurde gebeten, mit Niemand darüber zu sprechen, bevor die Zeitungen die Nachricht brächten, und vertraue sie auch nur meinem Tagebuch an.
Cronberg, 20.1.1901
Graf Seckendorff überreichte uns heute im Auftrage der Kaiserin Friedrich ein Medaillenportrait Kaiser Friedrichs in Lederetui und außerdem eine Denkmünze mit den Bildnissen Friedrichs I. und WiIhelms II., die für den gestrigen 200 jährigen Gedenktag Preußens geprägt wurden und uns, aus der Hand der Kaiserin kommend, eine doppelt wertvolle Gabe sind,
Cronberg, 21.1.1901
Die Königin Victoria liegt, wie die Abendblätter melden, im Sterben. Seckendorff erzählte heute folgenden charakteristischen Zug der Kaiserin: "Als ich Ihrer Majestät meine Teilnahme an der Erkrankung der Königin ausdrückte mit dem Zusatz, eine der größten Monarchinnen Europas," fuhr sie heftig auf und sagte: "Was, eine der größten? die allergrößte!"
Tod der Queen Victoria Cronberg, 25.1.1901
Dienstag Abend den 22. ist die Königin Victoria im 82. Lebensjahr sanft entschlafen. Die Kaiserin Friedrich soll sehr erschüttert sein. Ihre Kinder begeben sich Mittwoch, in Begleitung des Grafen Seckendorff, nach London, um den Trauerfeierlichkeiten beizuwohnen. Der Kaiser ist schon dort. Prinzessin Margarete bleibt allein bei der Mutter zurück.
Cronberg, 21.2.1901
Von Zeit zu Zeit weht schon jetzt durch die Februarluft ein Hauch von Vorfrühling, der jedes Jahr von neuem ein glückverheißendes Gefühl in mir auslöst. Und doch ist zur Zeit in Cronberg nichts von Glück zu spüren. Die arme Kaiserin leidet noch immer große Schmerzen. Heute trank Fräulein von Faber bei mir Tee. Sie tritt am 1. März ihren Urlaub an. Der Abschied fällt ihr diesmal besonders schwer, denn wer weiß, ob sie die Kaiserin, der sie so viele Jahre treu gedient hat, lebend wiedersehen wird? Das Kaiserpaar, das in Homburg wohnt, kommt jeden Tag herüber. Nächsten Sonntag wird auch der König von England in Friedrichshof erwartet.
Ein letzter Gruß Cronberg, 19.3.1901
Ich habe die Kaiserin heute nach Monaten zum ersten Mal wiedergesehen. Sie fuhr auf der Oberurseler Landstraße. Prinzessin Victoria und Dr. Spielhagen saßen bei ihr im Wagen. Als sie mich erkannte, hob sie den Arm, der ganz verbunden war, zum Gruß. Sie kam aber nicht hoch damit und nickte ein paar Mal mit dem Kopf. Dabei sah sie mich so lieb und freundlich an, daß ich Mühe hatte, die Tränen zurückzuhalten. Ihr Aussehen ist total verändert. Ich kann seitdem nichts anderes mehr denken.
Cronberg, 13.5.1901
Prinz und Prinzessin Adolf von Schaumburg-Lippe besuchten uns heute und erzählten, daß die Ärzte einen Stillstand in der Krankheit ihrer Mutter festgestellt haben. Da aber eine Heilung ausgeschlossen sei und die Schmerzen auch nicht abgenommen hätten, könne man sich nicht so recht freuen.
Schmerzliche Erwartung Cronberg, 4.8.1901
Seit gestern hat sich das Befinden der Kaiserin Friedrich bedenklich verschlimmert. Der Kaiser ist heute Nacht 3 Uhr in Homburg eingetroffen und um 4 1/2 Uhr in der Frühe mit der Kaiserin nach Cronberg gekommen. Mit Ausnahme des Prinzen Heinrich, der dem Grafen Waldersee nach Cadix entgegengefahren ist, sind alle Kinder um die Mutter versammelt. Graf Seckendorff kam heute Morgen auf einen Augenblick herüber und sagte, die Kaiserin werde, nach Ausspruch der Ärzte, den Tag nicht überleben. In Cronberg herrscht große Aufregung. Es wimmelt von Polizisten und Soldaten. Sämtliche Eingänge zum Schloßpark sind mit Wachtposten besetzt. Ordonnanzen reiten und fahren ununterbrochen vorüber. Die Leute stehen in Gruppen auf den Straßen. Niemand geht seiner gewohnten Beschäftigung nach. Wir haben die Katastrophe lange kommen sehen und sind trotzdem jetzt, wo sie eintritt, erschüttert. Der Verlust trifft ganz Cronberg, aber uns besonders schmerzlich.
Die Kaiserin ist tot Cronberg, 5.8.1901
Die Kaiserin Friedrich hat ausgelitten. Sie ist heute Nachmittag 6 Uhr 20 Minuten gestorben. Graf Seckendorff kam, wie in den letzten Tagen, so auch heute gegen 5 Uhr zu uns. Ich stand zufällig am Gartentor, als er schellte, und öffnete selber. Mir fiel gleich auf, daß er nicht den gewohnten Sportanzug trug, sondern ganz schwarz angezogen war. "Wenn ich nicht störe und Sie mir den Freundschaftsdienst erweisen wollen, Niemand zu empfangen," sagte er, "möchte ich gern bei Ihnen bleiben. Ich halte es da oben nicht wehr aus." Ich gab sofort Auftrag, keinen Besuch anzunehmen. Wir tranken auf der Veranda Tee und sprachen natürlich nur von dem, was unser Herz bewegte. Jedesmal wenn es am Tor schellte, fuhr Seckendorff zusammen und wiederholte die Bitte: "Sie lassen doch Niemand herein!" Um 6 Uhr 30 Minuten begannen alle Glocken zu läuten. Wir sahen uns an, ohne ein Wort zu sprechen. Zuletzt brach Norbert das Schweigen und sagte:
"Das bedeutet gewiß, daß die Kaiserin gestorben ist." Seckendorff blieb unbeweglich sitzen, "Für mich war die Kaiserin schon gestorben, als ich Friedrichshof verließ," antwortete er mit bebender Stimme. Man fühlte, wie er mit sich kämpfte, um seiner Bewegung Herr zu werden. Er verabschiedete sich erst, als auf den umliegenden Villen die Fahnen halbmast gehißt wurden. Norbert begleitete ihn bis zum Schloßportal. Inzwischen ist das Getriebe auf der Hainstraße zum dichten Gedränge angewachsen. Truppen marschieren vorüber, Offiziere reiten hin und her, Depeschenboten radeln, ein Wagen folgt dem anderen. Cronberg, das man gewohnt ist im Festschmuck zu sehen, hat tiefe Trauer angelegt.

Zurück Hoch Weiter