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Norbert Schrödl:

Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich

Trauerfeierlichkeiten in Kronberg Cronberg, 15.8.1901
Ich will heute einiges nachtragen, denn ich fand bisher keine Zeit zum Schreiben. Wir hatten während der Trauertage das Haus bis unters Dach besetzt. Im letzten Augenblick wurden wir noch gebeten, Gräfin Perponcher mit Jungfer aufzunehmen. Wir rückten noch etwas enger zusammen und schachtelten uns ein, so gut es ging. Am Morgen des 10. August, am Tage der Überführung der Leiche der Kaiserin Friedrich zur Stadtkirche, erhielten alle Anwohner der Hainstraße den polizeilichen Befehl, niemand ein- noch auszulassen, für den nicht persönlich gehaftet werden könne. Außerdem wurden in jedem Garten zwei Wachtposten aufgestellt. Von Mittag ab waren die Straßen und alle Zugänge von Friedrichshof mit Militär besetzt. Überall wurde noch fieberhaft an den Trauerdekorationen der Häuser gearbeitet. An der Ecke der Frankfurter- und Hainstraße erhoben sich vier große Feuerpyramiden mit der Kaiserkrone, und den Straßen entlang waren Trauermasten errichtet. Jeder Zug brachte Scharen von Menschen. Auch bei uns fanden sich viele Freunde und Verwandte ein.
Bei eintretender Dunkelheit flammten die Fackeln und die Feuerschalen auf den Pyramiden auf. Die Luft war drückend schwül. Der Abend hatte nach dem heißen Tage keine Abkühlung gebracht. Einzelne Sterne blinkten, aber über dem Taunus lagerten schwere Gewitterwolken. Da erklang Glockengeläute, das Zeichen, daß die Bahre mit der toten Kaiserin das Schloß verlassen hatte. Es war 10 Uhr geworden, als dumpfer Trommelwirbel und das regelmäßige "Trapp" der Soldatentritte das Herannahen des Zuges verkündete. Jetzt sah man beim Scheine der Fackeln den auf den Schultern von 12 Unteroffizieren getragenen Sarg, bedeckt mit einem mit Hermelin verbrämten Purpurmantel, auf dem die Kaiserkrone ruhte. Ein Bataillon mit Fahnen bildete den Schluß des lautlosen Zuges, den die Zuschauer entblößten Hauptes ebenso lautlos an sich vorüberziehen ließen. Das ferne Gewitter kam näher. Gewaltige Blitze zuckten und warfen ein grelles Licht auf den imposanten Totenzug.
Tags darauf, Sonntag den 11., fand die Trauerfeier in der evangelischen Kirche statt. Schon um drei Uhr nachmittags zogen die 80er, unterstützt von den Bockenheimer Husaren und einem Bataillon 166, auf, um, wie am gestrigen Abend, Spalier in den Straßen zu bilden. Das Gedränge war so groß, daß man trotz der Karten nur mit Mühe durchkommen konnte. Die Kirche bot in ihrem Inneren ein ganz verändertes Bild. Es blitzte von Uniformen aller Waffengattungen, unter denen sich auch ausländische, namentlich viele englische, befanden. Nach der Predigt intonierte der Berliner Domchor: "Wenn ich einmal soll scheiden". Wenn ich diesen Choral höre, kommen mir jedesmal die Tränen, seit ich ihn bei der Totenfeier meines Bruders Hans von dem Chor der Akademie in Berlin gehört habe.
Die letzten Augenblicke der Kaiserin Über die letzten Augenblicke der Kaiserin wurde uns Nachstehendes erzählt: Die Kaiserin schaute mit schwer leidendem Ausdruck in die untergehende Sonne, als ihre Züge sich plötzlich freudig verklärten, während sie mit leuchtenden Blicken dem Flug eines weißen Schmetterlings folgte, der durch das offene Fenster hereinflog, ihr Lager ein paar Mal umkreiste und sich dann auf der Bettdecke niederließ. Im selben Augenblick neigte die Kaiserin ihr Haupt und starb. Gleichzeitig erhob sich der Schmetterling, flog wieder zum Fenster hinaus und schwebte, gleichsam auf den Strahlen der Sonne, zum Himmel empor, wo er den Blicken entschwand. Der momentan verwandelte Ausdruck der Sterbenden, vom größten Leiden zu überirdischer Glückseligkeit, im Zusammenhang mit diesem Naturspiel, ergriff alle Anwesenden.
Überführung des Sargs Montag den 12. August, abends 8 1/4 Uhr, fand die Überführung von der Kirche zum Bahnhof statt, wozu wir ebenfalls eine Einladung erhielten. Die Prinzessinnen-Töchter gingen dicht hinter dem Sarge, die Prinzen, das Gefolge und die Geladenen schlossen sich an. Die Straßen waren von Soldaten gesperrt. Am Bahnhof bildeten verschiedene Vereine mit brennenden Fackeln Spalier. Eine Ehrenkompanie mit Fahnen hatte Aufstellung genommen. Der Salonwagen, in welchen der Sarg gehoben wurde, war mit lila Sammt und Hermelin ausgeschlagen und reich mit Blumen und Kränzen geschmückt. Nachdem die Prinzessinnen hinter geschlossenen Türen nochmals Abschied von der toten Mutter genommen, bestiegen die Prinzen und das Gefolge den Zug und blieben, während er sich unter dumpfem Trommelwirbel langsam in Bewegung setzte, salutierend am Fenster stehen, indes die Truppen präsentierten, die Fahnen gesenkt und Fackeln gelöscht wurden. Schweigend wartete die Menge, bis der Zug um die Ecke gebogen war, und ging dann ebenso schweigend auseinander. Jeder fühlte, Cronberg war verwaist.
Cronberg, 22.8.1901
Vierzehn Tage lang haben jeden Vormittag von 12 bis 1 Uhr die Glocken geläutet. Inzwischen ist das Militär abgerückt, Flaggen und Flor sind eingezogen. Graf Seckendorff kam bis zu seiner Abreise jeden Abend zu uns und nahm heute sehr bewegten Abschied. Man kann es ihm nachfühlen. Hat er doch Friedrichshof mitgeschaffen und, sozusagen, jeden Stein mitzusammengetragen, zudem 32 Jahre im Dienst des kronprinzlichen und späteren Kaiserpaares gestanden. Das ist ein ganzer Lebensabschnitt. "Ich werde Cronberg nur als Gast wiedersehen", sagte er, als er uns beim Weggehen die Hand drückte. Dabei standen ihm Tränen in den Augen.
Cronberg, 31.8.1901
Heute verabschiedeten sich Kronprinz und Kronprinzessin von Griechenland sowie Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen. Die Prinzessinnen waren sichtlich bewegt, als sie von der Mutter sprachen. Die griechischen Herrschaften wiederholten mit großer Herzlichkeit ihre Einladung, sie in Athen zu besuchen.
Aus dem Testament Cronberg, 6.9.1901
Fräulein von Faber und Gräfin Lüttichau sind nun auch abgereist. Ebenso Reischachs, nachdem sie den gestrigen, letzten Abend noch bei uns verbrachten. Wie werden wir die lieben Menschen alle vermissen! Eine große Freude war uns die Mitteilung, daß Prinz und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen die Erben von Friedrichshof sind.
Schloß Friedrichshof, im August 1901.
Zufolge testamentarischer Verfügung Ihrer Majestät der Hochseligen Kaiserin und Königin Friedrich beehren wir uns, als Testaments-Vollstrecker Euer Hochwohlgeboren eine Schale aus dem Wohnzimmer der verewigten Kaiserin als ein Andenken an Allerhöchstdieselbe beifolgend mit der Bitte zu überreichen, die im Entwurf hier beigefügte Empfangsbescheinigung unterschriftlich vollzogen an uns nach Berlin, Oberwallstraße 1, gelangen lassen zu wollen.
Graf Seckendorff.    Freiherr von Reischach.
Ich erhielt das gleiche Schreiben mit einer Zeichnung, welche die Kaiserin Friedrich seinerzeit von mir gemacht hat.
Das Denkmalskomitee Cronberg, 12.9.1901
Geheimrat Max von Guaita hat zur Stiftung einer bleibenden Erinnerung an die Kaiserin Friedrich zirka 50 hiesige Bürger in den Rathaussaal eingeladen. Er eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in der er auf den edlen Sinn und die vielen Wohlfahrts-Einrichtungen der Kaiserin hinwies und dem allgemeinen Wunsche der Bevölkerung Ausdruck verlieh, ein würdiges Denkmal für die Verstorbene zu schaffen. Darauf wurde zur Wahl eines engeren Komitees geschritten, das sich aus folgenden Herren zusammengesetzt hat: Geheimrat Max von Guaita, Landrat von Meister, Bürgermeister Jamin, Carl von Grunelius, Emil Wetzlar, Fritz Schulte, Hauptlehrer Fehler, Professor Schrödl und Architekt Hermann Ritter.
Else Schrödls Erinnerungen an die Kaiserin Friedrich Cronberg, 21.9.1901
Norbert und ich machten heute zum erstenmal nach dem Tode der Kaiserin Friedrich einen Spaziergang um Friedrichshof. Der bunte Septemberpark war ganz voll Sonne, während auf der Ebene Nebel lagerte. Ich hörte in der großen Stille nur eine einzige traurige und feierliche Melodie. Bedeutende Menschen können nicht in unser Leben eintreten, ohne eine tiefe Spur darin zu hinterlassen. Man hat im Verkehr mit ihnen das Gefühl, innerlich aufwärts zu schreiten. So ging es mir mit der Kaiserin Friedrich. Sie gehörte zu den Frauen, die jenen Grad des Verständnisses besitzen, daß sie mit ihrem Urteil immer das Richtige treffen. Freilich wurde sie nicht immer verstanden, im Gegenteil, sehr oft mißverstanden. So sagte sie einmal, als sie von ihren Lebenserfahrungen Sprach: "Glauben Sie wir, die Wunden, welche die Hand der Freunde schlägt, sind schmerzhafter als die der Feinde". In ihren lebhaften Diskussionen bekundete sie jederzeit ein solches Interesse für Menschen und Dinge, wie seiner in dem Maße nur eine mächtige Intelligenz und ein warmes Herz fähig sind. Sie stand jenseits aller Vorurteile, Geist und Bildung fielen bei ihr in die Waagschale. Es klingt mir noch in den Ohren, wie sie eines Tages äußerte: "Mich interessiert jede moderne Erscheinung viel zu sehr als daß ich sie nicht aus eigener Anschauung kennen lernen möchte". Außerdem besaß die Kaiserin ein ausgesprochenes künstlerisches Schönheitsempfinden. Dafür gibt Friedrichshof, dem sie den Stempel ihres Geschmacks ausdrückte, ein beredtes Zeugnis. Ihre tiefe Freude an allem Schönen aus jedem Gebiet halfen ihr auch, die vielen Stürme, die in ihrer Seele laut wurden, durchzukämpfen. Denn die blieben ihr nicht erspart, so wenig, wie allen großen Charakteren und Talenten, denen die Kritik immer den schärfsten Maßstab anlegt.
Ich bedaure nachträglich sehr, daß ich nicht jedesmal alles aufgeschrieben habe, was die Kaiserin sagte, besonders nach den Sitzungen, wo ich allein mit ihr war. Lebhaft erinnere ich mich, wie sie einmal über die Krankheit Kaisers Friedrichs sprach: "Dieses Verzagen und wieder Mut fassen, dieses Sorgen und immer wieder Sorgen, dieses Fürchten und Hoffen, Tag und Nacht, Wochen und Monate lang, das war zum Verzweifeln". Dabei konnte man in ihren Zügen den Schmerz lesen, der in der Erinnerung über ihre Seele glitt. Ein andermal äußerte sie: "Nach dem Tode meines Mannes hatte ich das Gefühl, mich von allem abschließen zu wollen, aber das Leben gestattet dergleichen nicht. Auch wird man mit der Zeit duldsam durch schweres Leid. Ich erkannte, daß das wahre Ziel des Lebens sein muß, zu arbeiten und nach Weisheit zu streben. Aus den Konflikten meines Daseins flüchtete ich zur Tätigkeit und fand in der Freude an der Arbeit die Quelle der Kraft. Den sozialen Bestrebungen, welche ein notwendiger Faktor des vorwärtsstrebenden Lebens sind, widmete ich meine Hauptfürsorge. Denn soviel ist gewiß, daß jeder Stillstand der menschlichen Natur widerspricht, weil er gleichbedeutend mit Verkrüppelung ist. Der menschliche Geist läßt sich, wenn er den festen Willen hat, aufwärts zu streben, ebenso wenig wie die Natur in fest vorgeschriebene Formen zwängen. Die sicherste Stufe zur Entwicklung bleibt freilich immer die Erfahrung. An ihr lernen wir am meisten."
Welch eine Fülle von Denken, Wollen und Können ist mit der Kaiserin Friedrich dahingegangen! Ihre von überlegener Weltanschauung getragene, stark ausgesprochene Individualität schwang sich auf Höhen, auf welche ihr die Wenigsten zu folgen vermochten. Wenn ich jetzt über das Leben der Kaiserin Friedrich nachdenke, das trotz aller äußeren Vorzüge in einen Mollakkord ausgeklungen ist, so bleibt der große Trost, daß, wenn sie auch zu den Menschen gehört, die viel gelitten, so doch auch zu denen, die durch Leid reicher geworden sind, nach dem Ausspruch des Alten Testamentes: "Wo viel Weisheit ist, da ist viel Gram, und wer an Einsicht wächst, wächst auch an Schmerz."
Denkmalsenthüllungen Cronberg, 22.8.1902
Am 19. August fand die Enthüllung des Kaiserin Friedrich-Denkmals in Homburg statt. Die Stadt prangte im Festschmuck. Offiziere aller Waffengattungen, Hofequipagen, hin- und herwogende Menschen belebten das Straßenbild. Die Firma Gebrüder Siesmayer in Frankfurt hatte die gärtnerische Umgebung des Denkmals mit künstlerischem Geschmack ausgeführt. Das im römischen Stil gehaltene Kaiserzelt stand der Tribüne für die geladenen Gäste, die Behörden und verschiedenen Vereine gegenüber. Auch die englische Kolonie in Homburg war sehr stark vertreten. Drei Bataillone der 80er hatten seitwärts Aufstellung genommen.
Tags darauf folgte in Cronberg die Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals, zu der uns ebenfalls eine offizielle Einladung zugegangen war. Mit einmütiger Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung hatte die Stadt Cronberg dem Dekorations-Ausschuß unbeschränkten Kredit gewährt, und die Künstlerkolonie setzte ihre ganze Kraft ein, der Dekoration ein künstlerisches Gepräge zu geben. Reich geschmückte Flaggenmaste in den deutschen, badischen, bayerischen, sächsischen, hessischen und Cronberger Farben zogen sich, durch Guirlanden verbunden, vom Bahnhof bis zur Stadt hinauf. Über dem Eingang der Bleichstraße schwebte der Reichsadler innerhalb eines Riesen-Eichenkranzes. Zu beiden Seiten standen Kandelaber mit blau und gold gemaltem Unterbau, die Standarten mit den heraldisch gemalten Wappen Cronbergs und Nassaus trugen und mit goldenen Adlern gekrönt waren.
Auch die übrigen Straßen Cronbergs prangten in Fahnen- und Guirlandenschmuck. Auf dem Wege zu dem von der Firma Schneider und Hanau in Frankfurt stilvoll errichteten Kaiserzelt bildeten Kriegervereine mit Fahnen Spalier. Programmäßig fuhr das Kaiserpaar punkt 11 Uhr in einer zweispännigen Viktoria vor, nachdem die übrigen Herrschaften sich schon früber eingefunden hatten. Der Großherzog und die Großherzogin von Baden trafen einige Augenblicke später ein. Der Kaiser eilte dem greisen Fürstenpaar entgegen und küßte der Großherzogin die Hand und beide Wangen. Nach einem Fanfarengruß sang der Main-Taunus-Sängerbund mit Orchesterbegleitung die Hymne aus Judas Maccabäus "Seht, er kommt", worauf der Vorsitzende des Denkmalausschusses Landrat Dr. Wilhelm von Meister vor das Kaiserzelt trat und mit weithin vernehmbarer Stimme eine schwungvolle Ansprache hielt. Während der Rede waren Wolken am Himmel ausgezogen, die in einen rauschenden Regen niedergingen, der aber zum Glück bald wieder aufhörte. Nach den Schlußworten fiel, auf ein Zeichen des Kaisers, die Hülle unter den Klängen des Präsentiermarsches. Dann setzte der Sängerchor mit der "Kaiser Friedrich-Hymne" ein, während der Kaiser einen Kranz aus weißen Rosen am Denkmal niederlegte.
Zuletzt brachte Bürgermeister Jamin das Kaiserhoch aus, wonach der Kaiser die Parade über das 80er Regiment und den Vorbeimarsch der Krieger aus der Hainstraße abnahm. Hierauf bestiegen die Herrschaften unter lebhaften Zurufen der Menge die Wagen und begaben sich zur Familientafel nach Friedrichshof. Auch wir hatten zu Hause ein Frühstück von etwa 50 Personen, darunter Graf Seckendorff, Herr und Frau General von Lindequist mit Tochter, Oberstleutnant Scholz, Generalmajor von Alten mit Frau, Herr und Frau Baron von Dieskau, Mumms, Radowitz, Carl von Grunelius, Oberlandesgerichtspräsident Hagens, vom Raths, Corrodi etc. Reischachs, die in Friedrichshof wohnen, kamen nach Tisch auch noch herüber, erzählten von dem Verlauf des Frühstücks und daß im Schloß jedes Eckchen bis unters Dach besetzt ist.

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