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Gerta Walsh: Victoria Kaiserin Friedrich

Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde zu Bad Homburg vor der Höhe 47 (1998) 79-103

Am 10. Februar 1840 hatte Königin Victoria von Großbritannien und Irland den deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg geheiratet, und bereits am 21. November desselben Jahres kam ihr erstes Kind zur Welt. Daß es ein Mädchen und nicht gleich der Thronfolger war, bewegte die britische Öffentlichkeit wohl mehr als das Elternpaar selbst. Am ersten Hochzeitstag ihrer Eltern wurde die Kleine am 10. Februar 1841 im Buckingham Palast auf die Namen Victoria Adelaide Mary Luise getauft. Obwohl in diesem Jahr der Thronfolger Albert Edward geboren wurde, blieb Victoria, die innerhalb der Familie anfangs Pussy, dann Vicky gerufen wurde, der erklärte Liebling ihres Vaters. Wie er einem Freund schrieb, sprach sie im Alter von drei Jahren englisch und französisch "in ausgewählten Sätzen". Deutsch war und blieb die Umgangssprache ihrer Eltern und später der ganzen königlichen Familie, sofern sie unter sich war. Auffallend blieben Vickys intellektuelle Begabung und die Schnelligkeit des Denkens. Man sprach sogar davon, sie sei überreizt und altklug. Ihr Vater bemühte sich intensiv und mit großem Erfolg um ihre Erziehung, die sie förmlich in sich aufsog. Geistige Disziplin und die Möglichkeit zur Konzentration, die ihr früh eingeimpft worden waren, verblieben ihr bis ans Lebensende. In ihrer Intelligenz ließ sie den Bruder Albert Edward, der 1901 den britischen Thron als Edward VII. bestieg, weit hinter sich zurück. Auch ihre sieben anderen Geschwister erreichten weder ihre Fähigkeit zum Denken noch die künstlerische Begabung, die Vicky ausbildete und ausübte.
Frühe Heiratspläne
1851 war in London das Jahr der von Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg initiierten Weltausstellung, zu der Wilhelm, der Prinz von Preußen und spätere Kaiser Wilhelm I., seine Frau Augusta und der Sohn Friedrich Wilhelm nach England kamen. Man stellte gemeinsame Interessen fest und kam überein, den preußischen und den englischen Thron durch eine Heirat des 1831 geborenen Prinzen und der Princess Royal zu verbinden. Friedrich Wilhelm, der 37 Jahre später unter dem Namen Friedrich III. zum Kaiser gekrönt wurde, war zu dieser Zeit 19 Jahre alt und ein ziemlich nichtssagender junger Mann, wenn man einem Londoner Beobachter bei Hofe glauben darf, der schrieb: "Er war ein ganz fideler, netter Leutnant mit großen Händen und Füßen, der aber in keiner Weise hervorragend begabt schien." Prinzessin Victoria war erst 10 Jahre alt, jedoch über ihr Alter hinaus reif und ernst. Wie ihre Enkelin Viktoria Luise von Preußen sich später äußerte, wußte der Großvater von den Heiratsabsichten, beobachtete das kleine Mädchen und fand es "ganz reizend".
Vier Jahre danach war er wieder in England, diesmal im schottischen Schloß Balmoral, dem Lieblingsaufenthalt der Königsfamilie, und notierte in sein Tagebuch den Verlauf der eingefädelten Liebesgeschichte. Dabei formulierte er sehr diplomatisch, wie das Aussehen Vickys auf ihn wirkte. "Ich finde ihre Züge so wie ichs gern habe bei jemandem, auf dessen brillierendes Äußere es nicht ankommt." Er wünschte nur, "sie möge noch ein bißchen wachsen", ein Wunsch, der nur mit Einschränkung eintraf. Wie ihre Mutter, so kam auch sie nicht über 1.54 Meter hinaus.
Die Zustimmung zur Heirat holte er sich bald von den Eltern, und am Ende seines Aufenthaltes auch von der Tochter. Zu diesem Einverständnis kam es am 29. September 1855. In keinem Bericht über diesen Tag fehlt der romantische Zug, Friedrich Wilhelm habe Vicky einen Stengel weißes Heidekraut überreicht, das Emblem des Glücks, und damit seine Absicht kundgetan. Der offiziellen Verlobung vom 20. März 1856 sollte die baldige Hochzeit folgen. Die Bekanntgabe der Verlobung führte in der britischen Öffentlichkeit zur Kritik. An der Spitze stand die "Times"; hier war man der Ansicht, der Prinz sei keine gute Partie, da Preußen "eine armselige deutsche Dynastie" sei. Prinz Albert sah die Sache anders. Für ihn war diese Heirat ein Mittel, die beiden königlichen Häuser zu einem festen Block in Europa zu vereinen. Das Parlament bewilligte der Prinzessin eine Mitgift von 40 000 Pfund und eine jährliche Apanage von 8 000 Pfund, was das Gehalt des Premierministers bei weitem überstieg und Vicky finanziell unabhängig machte.
Über den Ort der Hochzeitsfeierlichkeit gab es noch 1857 Differenzen, da der preußische Hof auf Berlin bestehen wollte. Ein Brief der Queen Victoria an Lord Clarendon zeigt, was sie davon hielt. Sie schrieb: "Die Annahme, daß es für den Kronprinzen von Preußen zuviel sei, nach England zu kommen, um die Princess Royal von Großbritannien zu heiraten, ist, gelinde gesagt, einfach lächerlich. Die Königin fühlt sich bemüßigt, zu erklären, daß niemals von Seiten des Prinzen Friedrich Wilhelm der geringste Zweifel darüber bestanden hat, wo die Hochzeit stattfinden werde. Sie glaubt, daß alles dieses nur leeres Gerede der Berliner ist. Was auch immer die Gepflogenheit der preußischen Prinzen sein möge - man heiratet nicht jeden Tag die älteste Tochter der Königin von England. Die Frage muß infolgedessen als erledigt und geschlossen angesehen werden."
Drei Monate später, am 25, Januar 1858, wurde das junge Paar in der Königlichen Kapelle des St. James Palastes getraut. Sehr viel später, sie war bereits verwitwet, erzählte Victoria von den Gefühlen, die sie am Abend nach der Hochzeitszeremonie bewegte. "Ich erinnere mich, wie wir hier gesessen haben. Zwei junge unschuldige Leute, die fast zu schüchtern waren, miteinander zu sprechen." Acht Tage danach verließ sie London und reiste mit ihrem Mann nach Berlin. Die Trennung vom Vater "war schrecklich und brach ihr beinahe das Herz", wie die Königin notierte.
Erste Schritte in Berlin
Im Gegensatz zur Berliner Bevölkerung, die ihre junge Kronprinzessin bei ihrem Einzug in die Stadt von Schloß Bellevue aus, stürmisch begrüßte und offensichtlich von ihr begeistert war, gab es von Anfang an die ablehnende Haltung der preußischen Gesellschaft und des Hofes gegen die "englische Heirat". Fürst Bismarck erkannte früh die Problematik in Victorias Persönlichkeit. Er schrieb: "Gelingt es der Prinzessin, die Engländerin zu Hause zu lassen und Preußin zu werden, so wird sie ein Segen für das Land sein. Bleibt unsere künftige Königin auf dem preußischen Thron auch nur einigermaßen Engländerin, so sehe ich unseren Hof von englischen Einflußbestrebungen umgeben." Und gegen die wollte er sich zur Wehr setzen. Das enge Band zwischen Vater und Tochter lockerte sich durch die räumliche Trennung nicht. In seitenlangen Briefen berichtete sie über alles, was sie erlebte und bewegte. Als Beispiel für das hohe Niveau ihrer Korrespondenz sei hier ein langes Memorandum über die Vorteile eines Gesetzes über die ministerielle Verantwortlichkeit in Preußen erwähnt, das die 20jährige ihrem Vater schickte. Prinz Albert kam fünf Monate nach der Eheschließung selbst nach Berlin und gleich im August noch einmal, diesmal mit seiner Frau, Queen Victoria.1) Obwohl dieser Besuch als inoffiziell und rein privat angekündigt wurde, reisten mit ihnen drei Angehörige des Parlaments. Mit solch auf Berlin überheblich wirkendem Vorgehen halfen sie ihrer Tochter wenig, die gegen sie herrschende Antipathie abzubauen. Man hörte sowieso nicht gerne aus dem Munde der jungen Frau, daß die Berliner Schlösser altmodisch, ohne Wohnkomfort und ohne den in England üblichen hygienischen Standard versehen seien. Victoria, die von Kindheit an gewohnt war, sich über alles Gedanken zu machen und diese Gedanken frei auszusprechen, eckte damit am Berliner Hofe immer wieder an. Daß sie obendrein von England als von "zu Hause" sprach, baute die ablehnende Haltung ihr gegenüber natürlich nicht ab. So wie ihr Vater trotz seiner unermüdlichen Arbeit auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft immer ein Ausländer, "der Deutsche", geblieben war, so erging es seiner Tochter jetzt: Sie war und blieb "die Engländerin".
Ob es an ihrer Veranlagung oder an der Erziehung lag, sei dahingestellt, ein Fehler war es auf jeden Fall, zuerst ihren Eltern und nach dem Tode des Vaters der Mutter rückhaltlos alles schriftlich mitzuteilen, was sich in Berlin ereignete. Diese in englischer Sprache verfaßten täglichen Briefe enthielten jedoch nicht nur Nachrichten aus dem Familienleben, der Berliner Gesellschaft oder eigene Gedanken zu bestimmten, allgemein bekannten Ereignissen, sie glichen stellenweise Berichten des britischen Botschafters an seine Zentrale in London. Victoria, die nie ein Tagebuch führte und diese Briefe als Festhalten ihrer täglichen Gedanken betrachtete, hielt diese Gewohnheit bis zum Tode der Queen aufrecht. So wie ihre Schreiben in England sorgfältig aufbewahrt wurden, sammelte auch sie die diejenigen ihrer Mutter. 5 000 Schriftstücke umfaßte die Korrespondenz, um die es nach dem Tode Victorias eine tiefe Verstimmung in der preußischen Familie gab. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie in England teilweise veröffentlicht, was zu heftigen Reaktionen in Deutschland führte. Obwohl sie das Schriftgut ihrer jüngsten Tochter Margarethe vermachte, konnte diese die gezielte Indiskretion nicht verhindern. 1929 entschloß sich der abgedankte Kaiser Wilhelm II., zu einer geplanten weiteren Veröffentlichung ein Vorwort zu schreiben und damit zu demonstrieren, daß er den Inhalt der Briefe billige.2)
Familienleben in Berlin und Potsdam
Vicky und Fritz, wie das Kronprinzenpaar in der Familie hieß, bezogen in Berlin das Kronprinzenpalais, das Unter den Linden, dem Zeughaus gegenüber, liegt. Im Sommer bewohnten sie mit zunehmender zeitlicher Ausdehnung das Neue Palais bei Potsdam. Dieses am westlichen Ende der über zwei Kilometer langen Hauptallee von Sanssouci liegende Palais stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hier, an der Geburtsstätte Friedrich Wilhelms, kamen zwischen 1859 und 1870 sieben ihrer Kinder zur Welt, von denen zwei im Kindesalter starben. Nur der Alteste, Wilhelm, wurde in Berlin geboren.3) Ihre Kinder bildeten den Mittelpunkt des häuslichen Lebens, wie Victoria es in England im Elternhaus selbst erlebt hatte. Mit dem Erwerb des Gutes Bornstedt bei Potsdam schuf sich das Kronprinzenpaar einen Ort, an dem es völlig ohne höfischen Zwang leben konnte. Auch das Neue Palais war weit genug vom Berliner Hof entfernt, den Victoria seiner Steifheit wegen unerträglich fand.
Verhältnis Mutter-Sohn
Eine in der Geschichtsforschung beispiellose Fülle von Briefen machen es möglich, das Verhältnis des Ehepaares zueinander und ihre Einstellung den Kindern gegenüber nachzuvollziehen. Im Archiv der Hessischen Hausstiftung in Schloß Fasanerie bei Fulda werden ungefähr 10 000 Briefe aufbewahrt, die das kronprinzliche Paar wechselte und in denen der jeweilige Entwicklungsstand der Kinder abgelesen werden kann. Die große Zahl der Briefe ist außerdem ein Beweis für die innere Verbundenheit und Zuneigung des Paares.
Die andauernden gespannten Beziehungen Victorias zu ihrem ersten Kind Willy, dem späteren letzten deutschen Kaiser Wilhelm II., blieben der Öffentlichkeit nicht verborgen. Psychologen erklären dies mit der überaus schweren Geburt des Kindes, bei der die erst 18 Jahre alte Prinzessin viel und lange leiden mußte. Dabei wurde das Baby so schwer am linken Schultergelenk verletzt, daß der Arm nur verkürzt, verkümmert und ohne Muskelkraft wuchs. Die Eltern ließen sehr früh mit einer Therapie beginnen, die uns heute befremden mag, die aber vor über 130 Jahren Erfolg versprach. Der Arm wurde mit Gewichten belastet, mit elektrischen Schlägen traktiert und bis zu einer Stunde Dauer in ein Stück blutendes Fleisch eingelegt. Die gymnastischen Übungen waren ebenfalls schmerzlich für das Kind. Trotz dieser Mühen blieb der Arm ohne Kraft, lösten aber bei dem Kind seelische Störungen aus. Der kleine Willy wurde aggressiv und zeigte Wutanfälle, denen sowohl seine Mutter als auch die englische Kinderfrau und seine Gouvernante hilflos gegenüber standen. Trotz des bereits erwähnten guten Verhältnisses Vickys zu ihren Eltern verheimlichte sie ihnen den verkrüppelten Arm ihres Babys und schlug daher deren Wunsch aus, den ersten Enkel beim geplanten baldigen Englandbesuch der Tochter zu sehen. Erst als der Kleine vier Monate alt war, berichtete sie von seiner Behinderung. Wie sie den Eltern gestand, schämte sie sich deshalb. Der Kleine war beinahe zwei Jahre alt, als die Großeltern ihn bei einem Familientreffen in Coburg zum erstenmal sahen.
Aus dem Verhalten Victorias ist deutlich ihre Enttäuschung darüber zu spüren, nicht einen außerordentlichen, einmaligen Sohn geboren zu haben, sondern ein mittelmäßig begabtes, körperbehindertes Kind. Darüber kam die ehrgeizige, zur Perfektion neigende Frau nie hinweg, und diese Haltung belastete ihr Verhältnis zum Sohn ihr ferneres Leben lang. Obwohl sie sich der eingeschränkten Begabung ihres Sohnes bewußt war, trug sie dieser Tatsache, trotz der eigenen Intelligenz, keine Rechnung, sondern überforderte den Heranwachsenden konstant.
Beinahe hart klingt es, wenn Victoria ihrem von Hause abwesenden Mann vom kleinen, fünf Jahre alten Willy berichtet und dabei schreibt: "Er hat ein fabelhaftes Gedächtnis, ich finde ihn aber sonst nicht sehr geistig entwickelt, weit hinter der Intelligenz meiner Brüder im selben Alter zurückgeblieben." Das klingt seltsam, wenn man sich an den jungen Edward VII. erinnert, der zur Verzweiflung seines Vaters keinerlei Voraussetzungen zu Lernfähigkeit, Konzentration und Ausdauer zeigte und noch mit 15 Jahren als "zurückgeblieben" galt. Ein milderes Urteil fällte sie in einem am 19. August 1868 an ihre Mutter gerichteten Brief: "Ich zittere bei dem Gedanken, wie meine heranwachsenden Jungen sich schließlich entwickeln werden. Die Verhältnisse hier und ein preußischer Hof scheinen ja geschaffen, um die Schwächen besonders zu nähren, die mich an meinem Willy so oft kränken. Seine Fehler alarmieren mich häufig, aber er ist klug, intelligent, lebhaft und hat ein warmes Herz. Doch vertraue ich auf den Einfluß eines Vaters wie Fritz, dessen Beispiel Hunderte von Predigten aufwiegt, und auf meine eigenen bescheidenen Bemühungen, mögen sie auch noch so mißverstanden sein, die dem ernstesten und heißesten Wunsche entsprechen, unser Kind so werden zu sehen, wie es sein soll. Wir tun alles, um ihn gut zu führen. Eines Kindes Natur kann man freilich nicht ändern."
Über die Behinderung ihres Sohnes schrieb sie 1870, als Willy 11 Jahre alt war, an ihre Mutter: "Leider ist der Arm nicht besser geworden, und Wilhelm fängt an, sich bei jeder körperlichen Übung viel kleineren Jungen unterlegen zu fühlen - er kann nicht schnell laufen, weil er kein Gleichgewicht hat, er kann nicht reiten, klettern oder sein Essen schneiden. Ich wundere mich, daß er trotz allem so ein angenehmes Temperament hat." Der zukünftige Herrscher mußte trotzdem schwimmen und reiten lernen, was ihm anfangs sehr schwer fiel und mit Tränen verbunden war. Daß er später Paraden zu Pferde abnehmen und dabei grüßen konnte, also die Zügel nicht in der Hand hielt, setzte eine perfekte Beherrschung des Körpers voraus, die er, vor allem seiner unnachgiebigen Mutter verdankte. Seine Mahlzeiten konnte er jedoch nie schneiden; um hier nicht immer auf Andere angewiesen zu sein, benutzte er eine speziell für ihn entwickelte Gabel, die sogenannte "Kaisergabel", die einer Kuchengabel glich. Sie hatte nur drei Zinken, von denen die linke verbreitert und leicht angeschliffen war.4)
Über Jahre hinweg kritisierte Victoria Stil und Handschrift ihres ältesten Sohnes und sandte beispielsweise deutsche und englische, an sie gerichtete Briefe, mit korrigierter Orthographie an ihn zurück. Wenig Liberalität zeigte sie bei der Rüge am Briefstil des 10 Jahre alten Sohnes. "Liebe Mama" in der Anrede zu verwenden, sei zu wenig liebevoll, außerdem genüge die Endfloskel "Dein Dich liebender Sohn Willy" nicht. Ein Kind solle mehr Respekt zeigen. Die Worte "dankbar", "gehorsam" oder "ergeben" seien hier angebracht, meinte sie. Von nun an schrieb er "Meine sehr liebe Mama" und endete mit "Dein gehorsamer Sohn Wilhelm".
Zu ihren Erziehungsprinzipien gehörte es, ihre Kinder, jedenfalls die drei Ältesten Wilhelm, Charlotte und Heinrich, nie zu loben, ihr Äußeres als ungünstig hinzustellen und oft zu betonen, wie wenig begabt sie seien. Die Reaktion Prinz Wilhelms auf diese dauernde, oft in verletzende Art vorgebrachte Kritik zeigte sich in der völligen Abkehr von den Eltern. Daß er auch die Geschwister kaum beachtete, verstärkte deren Kummer. In seinem 1929 erschienenen Buch "ber Kaiser Wilhelm II." meinte der Autor Emil Ludwig, Wilhelm habe von seiner Mutter "Trotz und Kälte" geerbt und sich dieser Wesensgleichheit wegen nicht mit ihr verstehen können. Ferner meinte er: "Herrschsucht und Eigensinn der Mutter, die solche schon von ihrer Mutter geerbt hat, wirken im Sohne fort." Wie taktlos ein allzu "offenes Wort" sein kann, beweist eine Bemerkung der Kronprinzessin dem österreichischen Botschafter gegenüber: "Sie glauben gar nicht, wie ich Ihren schönen, geistvollen und eleganten Kronprinzen bewundere, wenn ich daneben meinen ungeschlachten, vierschrötigen Sohn Wilhelm betrachte." Solch ein Ausspruch machte natürlich sofort die Runde von Wien aus an alle europäischen Höfe.
Mrs. Malet, die Frau des britischen Botschafters in Berlin, hörte die wiederholte Drohung der Kronprinzessin Victoria an ihre Schwiegertochter Auguste Viktoria, die spätere letzte deutsche Kaiserin: "Wenn ich Kaiserin sein werde, wird Wilhelm sehen, was ich mit ihm mache. Und da er nicht die Stütze seiner Großeltern hat, wird er wohl tun müssen, was ich will." Mrs. Malet berichtete auch über Äußerungen der Kronprinzessin über Eltern, die zu lange leben (womit sie Kaiser Wilhelm I. meinte, der ja über 90 Jahre alt wurde) und Bemerkungen über ungehorsame Kinder.
Ebenfalls nachgewiesenen ist die kritische Haltung der ältesten Tochter des Kronprinzenpaares Charlotte, der späteren Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen. Schon als Fünfzehnjährige äußerte sie sich am Berliner Hof negativ über die pro-englischen Ansichten der Mutter. Sie sorgte für die Verbreitung ihrer Meinung, bei der Thronbesteigung ihrer Eltern würden diese das große Werk Wilhelms I. und Bismarcks zerstören und die deutschen Interessen denen des britischen Empire unterordnen.
Die Danziger Rede
Die Ansätze einer "neuen Ära", die nach dem Tode des bisher regierenden Königs Friedrich Wilhelms IV. vom 2. Januar 1861 von Prinz Friedrich Wilhelm und Victoria begrüßt worden waren, schwanden rasch wieder. Mit der Ernennung Otto von Bismarcks zum preußischen Ministerpräsidenten trat im Jahr 1862 eine Persönlichkeit in die Regierung ein, die für die liberalen Ansichten des Thronfolger-Paares kein Verständnis zeigte und besonders Victoria in den kommenden Jahren heftig angriff. Auch für sie blieb Bismarck ein Reizwort.
1863 wandte sich der Kronprinz in einer in Danzig gehaltenen Rede gegen die neue Presseverordnung Bismarcks, was ihm einen strengen Verweis seines Vaters einbrachte. Es war zum erstenmal geschehen, daß der Kronprinz seinem Vater offenen Widerstand geleistet hatte, worin man am Berliner Hof den Einfluß seiner Frau sah. Da Friedrich Wilhelm künftiges strengstes Stillschweigen auferlegt wurde, zog er sich völlig vom politischen Leben, selbst von den bisher besuchten Sitzungen im Staatsministerium, zurück. Die Wirkung auf seine Frau war niederschmetternd. Sie, die am liebsten selbst in die Politik eingegriffen hätte, dies aber nur indirekt über ihren Mann hätte tun können, sah sich nun ganz davon ausgeschlossen. Über die Ereignisse um die Danziger Rede ihres Mannes und ihre Folgen schickte sie sofort einen detaillierten Bericht an ihre Mutter und vermerkte darin über die Rolle Friedrich Wilhelms, ihres Fritz: "Ich hoffe, daß Du seine Handlungsweise Deinen Ministern und allen unseren Freunden in England mitteilen wirst." Wie dieses Ansinnen in Berlin aufgenommen wurde, läßt sich denken. Am Berliner Hof gab es nun zwei offen ihre Differenzen zeigende Gruppierungen: Die reaktionäre unter Bismarck und die liberale mit dem Kronprinzenpaar.
Zum erstenmal in Homburg
Bei der militärischen Erziehung, die der Kronprinz genossen hatte, war seine aktive Teilnahme an den Kriegen von 1864 (Preußen gegen Dänemark), von 1866 (Preußen gegen Osterreich) und am Krieg von 1870/71 gegen Frankreich selbstverständlich.
Kronprinzessin Victoria zeigte in diesen Kriegen in ihrer Korrespondenz einen ausgeprägten deutschen Patriotismus. Während des Frankreichkrieges wohnte sie nach der Geburt ihrer Tochter Sophie seit dem 31. August 1870 mit allen Kindern zum erstenmal in Homburg v. d. Höhe. Der Eindruck, den die Taunusgegend bei ihr hinterließ, spielte sicherlich eine entscheidende Rolle, als sie nach dem Tode ihres Mannes einen geeigneten Witwensitz suchte und in Kronberg fand.
Ihr Hauptanliegen im deutsch-französischen Krieg war es, den Zustand der deutschen Lazarette zu verbessern. Dabei war sie auf den Widerstand ihrer Schwiegereltern gestoßen und hatte darüber geklagt: "Ich kann mir nichts vornehmen, ohne daß meine Pläne durch König oder Königin durchkreuzt werden, denn unweigerlich sind sie mit dem, was ich mache, nicht einverstanden." In Homburg dagegen hatte sie freie Hand. Von hier aus unternahm sie Inspektionsreisen nach Wiesbaden, Biebrich, Bingen, Rüdesheim und Mainz. Nur wenige Lazarette stufte sie als gut eingerichtet ein, die meisten fand sie "schauderhaft, schmutzig und schlecht geleitet". Gemeinsam mit Baurat Louis Jacobi, dem späteren Erbauer der Saalburg, ließ sie hinter der Kaserne auf der Oberen Promenade, dem heutigen Finanzamt, neben einen dort stehenden kleinen städtischen Holzbau eine Muster-Lazarett-Baracke errichten, für die sie später, zusammen mit Jacobi, eine Auszeichnung erhielt. Die Besonderheit der Konstruktion lag in der Möglichkeit, die Seitenwände hochzuziehen und damit aus dem geschlossenen Bau einen Pavillon zu machen.
Über die Zustände in Homburg schrieb sie am 17. September 1870 in ihrer kritischen und direkten Art an ihre Mutter: "Das Vorurteil von Ärzten und Patienten gegen frische Luft zu überwinden, ist wirklich fast unmöglich. Wir haben keine einzige Schwester, keinen einzigen Wärter hier, nur Leute aus der Stadt, die schmutzig, unwissend und äußerst nutzlos sind; haben uns nach besseren Kräften umgetan, die wir bald erhalten sollen. Dr. Schröder und Dr. Deetz5) sind ausgezeichnet, aber die andern Ärzte sind wirklich die reinsten Unglücksraben, dumme, alte Kerle. Manch armer Teufel hätte gerettet werden können, wenn sie ihr Metier besser verstanden hätten. Professor Schillbach aus Jena ist hergekommen und hat verschiedene Operationen ausgeführt, ebenso Generalarzt Koch aus Kassel, der sich bemühte, ein wenig Ordnung in die Dinge zu bringen, da die Organisation wirklich zu trostlos war."
Den Aufenthalt in Homburg nutzte die Kronprinzessin auch dazu, ihre ältesten Söhne Wilhelm und Heinrich an ihre zukünftigen Aufgaben heranzuführen. Fast jeden Tag besuchten sie auf Wunsch der Mutter die Verwundeten in der Lazarettbaracke, außerdem standen sie neben ihr auf dem Schloßbalkon im oberen Schloßhof, wenn sie die Huldigung der Homburger Bevölkerung entgegennahm. Kaiser Wilhelm konnte sich daran noch im Februar 1918 deutlich erinnern, wie er in seiner letzten Rede "An meine lieben Homburger" betonte. Nach Aufzeichnungen des Erziehers Hinzpeter gingen die beiden Prinzen damals zum Schwimmen ins Militärbad Dornholzhausen und sahen zum erstenmale die Ruinen der Saalburg. Vertieft wurde das Interesse an römischen Ausgrabungen, als die kronprinzliche Familie acht Jahre später wieder nach Homburg kam. Der Gedanke zum Wiederaufbau der Saalburg war 1897 also beim Kaiser keine spontane Regung, sondern eine aus der Jugendzeit kommende Idee. Zu ihrer Verwirklichung hatte Louis Jacobi mit seinem 1897 veröffentlichten Werk "Das Römerkastell Saalburg" erheblich beigetragen, ein Buch, das er der von ihm sehr verehrten Kaiserin Friedrich widmete.
Der Krieg von 1870 hatte in England eine starke antideutsche Stimmung hervorgerufen, unter der die Stellung der Kronprinzessin noch schwieriger wurde. Ihrer Mutter klagte sie: "Wie unfreundlich und ungerecht werde ich manchmal behandelt! Und wieviele Tränen habe ich vergossen! Aber man muß lernen, die Dinge philosophisch zu betrachten." Zum gespannten Verhältnis der beiden Länder trug auch die offen gezeigte Sympathie des britischen Thronfolgers, ihres Bruders, zu Frankreich bei. Victoria mischte sich oft in politische Angelegenheiten und setzte sich dabei bewußt über diplomatische Gepflogenheiten hinweg. Ein typisches Beispiel ist ihr Verhalten vom Juni 1871 bei der geplanten Denkmalseinweihung für König Friedrich Wilhelm III. am Tage des Einzugs der über Frankreich siegreichen Armee in Berlin. Der britische Botschafter trat vorher einen längeren Urlaub an, um die strikte Neutralität Englands zu unterstreichen. Die Kronprinzessin, die darin einen Akt der Geringschätzung gegenüber Deutschland sah, sandte ein Telegramm an den britischen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in London und bat um Rücknahme der Anordnung. Natürlich vergeblich.
Obwohl Kronprinz Friedrich Wilhelm beim Volke als "unser Fritz" sehr populär war, blieb sein Einfluß in Regierungsfragen so nichtssagend wie zuvor. Diese schmerzliche Untätigkeit belastete ihn, mehr noch seine ehrgeizige Frau, die ihren jetzt 40 Jahre alten Mann an verantwortungsvoller Stelle sehen wollte. Die Übertragung des Protektorats über die Königlichen Museen in Berlin brachte den beiden den bildenden und schönen Künsten näher und eröffneten ihnen ein Betätigungsfeld, dem sie schon immer großes Interesse bezeugt hatten. Victorias angeborene künstlerische Begabung war bereits in der Jugend gefördert und in späteren Jahren weiter ausgebildet worden. Längere Zeit hindurch nahm sie Unterricht beim österreichischen Maler Heinrich von Angeli, der sie und ihren Mann bei verschiedenen Gelegenheiten malte. Später in ihrer Witwenzeit hielt sie Kontakt zur Kronberger Malerkolonie.
Nahe am Ziel
Der Attentatsversuch vom 11. Mai 1878 auf den bereits 81 Jahre alten Kaiser Wilhelm war glimpflich verlaufen, da traf am 2. Juni die Nachricht eines weiteren Mordversuchs ein. Das Kronprinzenpaar, das sich gerade zu einem seiner langen Ferienaufenthalte in England befand, reiste sofort nach Berlin zurück und mag dabei in Gedanken die schon so lange erwartete Übernahme der Regierung durchgespielt haben. In einem Erlaß beauftragte Kaiser Wilhelm seinen Sohn mit seiner Stellvertretung, die vielen Beobachtern nur ein erster Schritt zur völligen Regierungsübernahme erschien. Wider Erwarten erholte sich aber der Kranke und konnte am 5. Dezember sein normales Leben weiterführen. Untätigkeit, Warten, Hoffen, Enttäuschungen - dies füllte die nächsten Jahre des kronprinzlichen Paares aus. Die schon immer bestehende Kluft zum ältesten Sohn hatte sich vertieft, nachdem der Großvater die Erziehung des Enkels bestimmte und ihn offensichtlich als den ihm gemäßen Nachfolger betrachtete.
Als das Kronprinzenpaar 1883 seine Silberhochzeit feierte, waren zwei ihrer Kinder bereits verheiratet: Seit 1880 die älteste Tochter Charlotte mit dem Erbprinzen von Sachsen-Meinigen und seit 1881 Wilhelm mit Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein. Der zweite Sohn Heinrich hatte sich mit Irene von Hessen-Darmstadt verlobt. Am 22. März 1887 beging ganz Deutschland den 90. Geburtstag seines "alten Kaiser Wilhelm", und es fragte sich wohl jeder, wie viele Monate oder Wochen es noch dauern könne, bis sein Nachfolger auf den Thron käme. Da traf ein ungeheurer Schicksalsschlag die königlich-kaiserliche Familie.
Die Krankheit des Kronprinzen
Beim Kronprinzen waren bereits im Herbst 1886 die ersten Anzeichen einer Kehlkopferkrankung in Form einer Verdickung des linken Stimmbandes aufgetreten. Ein halbes Jahr später stellte der Chirurg Ernst von Bergmann die Bösartigkeit der Geschwulst fest und befürwortete eine Operation. Rudolf Virchow in Berlin und der englische Spezialist Morell Mackenzie wollten die Diagnose ihres Kollegen nicht bestätigen, deshalb wurde der Kranke einer konservativen Behandlung unterzogen, zu der ein Kuraufenthalt in Bad Eins gehörte. Im November 1887 stellte auch Mackenzie eine Krebserkrankung fest, doch der Prinz lehnte eine Operation ab. Wie Bismarck in seinen "Gedanken und Erinnerungen" später schrieb, verweigerte auch der Kaiser seine Einwilligung dazu. Die kronprinzliche Familie zog sich nach San Remo zurück, wo es dem Patienten anfangs noch verhältnismäßig gut ging und seine Frau immer wieder Hoffnung auf seine Genesung schöpfte. Aber dann fühlte sie ihren Mann bereits beiseite geschoben, denn im November 1887 hatte der Kaiser, der seine Kräfte schwinden fühlte, in einem Erlaß den Enkel Wilhelm mit der Stellvertretung der Staatsgeschäfte betraut.
Am 8. Februar 1888 kam es in San Remo zu dem dramatischen Eingriff eines Luftröhrenschnitts und damit zur völligen Sprechunfähigkeit des Patienten. Stumm und nur durch eine Kanüle atmend, litt der Kronprinz. Bis zu seinem Lebensende konnte er sich nur mittels geschriebener Anweisungen mit seiner Umgebung verständigen. Auf die Nachricht vom Ableben Kaiser Wilhelms I. am 9. März 1888 hin, reisten Friedrich Wilhelm und Victoria gegen den Rat der Ärzte nach Berlin. An den Trauerfeierlichkeiten für seinen Vater konnte er nicht mehr teilnehmen, dafür ging sein Sohn Wilhelm hinter dem Sarg vom Dom zum Mausoleum im Park von Schloß Charlottenburg.
Regierungszeit von 99 Tagen
Friedrich III., wie er sich nannte, regierte nur 99 Tage. In dieser kurzen Zeit konnten weder er noch seine Frau die Ideen realisieren, die sie in jahrzehntelangen Planungen besprochen hatten; vor allem die Einführung einer parlamentarische Monarchie in Deutschland war unmöglich. Bedrückend war für beide die Notwendigkeit, den Sohn an den Regierungsgeschäften offiziell beteiligen zu müssen. Noch zu Lebzeiten ihres Mannes begann die neue Kaiserin, seinen Namen in das Bewußtsein der Menschen einzuprägen, damit er nicht so rasch in Vergessenheit gerate. So gab sie ihrem Wohnsitz in Potsdam, dem "Neuen Palais", den Namen "Schloß Friedrichskron". Die testamentarische Verfügung Wilhelms I. bezüglich seines Privatvermögens stellte die Familie des Kronprinzen bewußt ins Abseits. Von den 22 Millionen, die er hinterließ, ging ein Teil an seine Frau, die beiden Kinder und die Enkel Wilhelm und Heinrich. Die Schwiegertochter Victoria und ihre vier Töchter gingen leer aus, denn das verbleibende Barvermögen war für den Krontresor bestimmt. Bismarck ordnete nun an, daß der neue Kaiser, also Friedrich III., aus dieser Erbschaft neun Millionen zur freien Verfügung erhielt. Bereits am 12. April 1888 konnte er daraufhin seiner Frau eine Million und seinen vier Töchtern je zwei Millionen schenken.
Die letzte Familienfeier zu Lebzeiten Friedrichs III. war die am 24. Mai stattfindende Hochzeit seines Sohnes Heinrich mit seiner hessischen Cousine Irene, einer Tochter von Victorias Schwester Alice von Hessen-Darmstadt. Die Einwilligung war wegen der nahen Verwandtschaft hinausgezögert worden; da es sich aber um eine Liebesverbindung handelte, erhielten die jungen Leute die Zustimmung. Kaum jemand beachtete damals, daß es ein viel größeres Hindernis als die bloße Verwandtschaft gab. Durch Alice von Großbritannien kam die unheilbare Bluterkrankheit, die Hämophilie, aus England ins Haus Hessen-Darmstadt, von dort durch ihre Töchter Alix nach Rußland und durch Irene nach Preußen. Queen Victoria wußte, daß ihr jüngster Sohn an dieser Krankheit litt, konnte sich aber nicht erklären, wie die bis dahin im britischen Königshaus nie aufgetretene Krankheit überhaupt hatte ausbrechen können. Entweder hatte eine spontane Mutation im genetischen Material Victorias stattgefunden, oder die Veranlagung war in der Erbmasse ihres Vaters, des Herzogs von Kent, vorhanden gewesen. Der jüngste Bruder der preußischen Victoria starb mit 31 Jahren an Hämophilie, zwei ihrer preußischen Enkel, die Kinder von Heinrich und Irene, waren Bluter; einer starb mit vier Jahren, der andere mit 56.
Einige Tage nach der Hochzeitsfeier Heinrichs und Irenes kam am 29. Mai ein Höhepunkt der kurzen Regierungszeit Friedrichs III. Sein Sohn führte hinter dem Charlottenburger Schloß seine Brigade an der Terrasse vorüber rüber. "Also sah ich meine Truppen zum erstenmale!" hielt der Kaiser in seinem Tagebuch fest. Drei Tage danach reiste er per Schiff mit seiner Frau von Charlottenburg nach Potsdam in sein Schloß Friedrichskron. Dort starb er zwei Wochen später am 15. Juni 1888. Die Obduktion des Leichnams ergab, daß er wirklich an Krebs erkrankt gewesen war. In ihrem ersten Brief an die Mutter brachen Enttäuschung, Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit durch, die Victoria jetzt fühlte. Sie schrieb: "Wir waren dem treu, was wir als Recht erkannt hatten, an das wir glaubten. Wir liebten Deutschland und wünschten es groß, nicht durch das Schwert, sondern in allem, was Gerechtigkeit, Kultur, Fortschritt und Freiheit bedeutete. Viele Erfahrungen haben wir gesammelt, bitter hart erkaufte Erfahrungen. Und nun ist alles umsonst gewesen."
Die erste Anordnung des neuen Herrschers Wilhelms II. war es, das Tor zu Friedrichskron zu verschließen, das Gebäude militärisch zu bewachen und die Räume des eben verstorbenen Vaters nach Staats- und Privatpapieren zu durchsuchen, bevor sie von seiner Mutter nach England gebracht werden könnten. Diese vermutlich mit wenig Takt durchgeführte Aktion empörte und verletzte die Witwe Victoria tief. Das Mißtrauen des jungen Kaisers hatte jedoch einen realen Hintergrund. Im Sommer zuvor hatte nämlich sein Vater drei Kisten mit persönlichen Papieren nach England ins Schloß Windsor bringen lassen, um sie dadurch später zu seiner Rechtfertigung veröffentlichen zu können. Ein halbes Jahr danach, als die Unheilbarkeit seiner Krankheit Gewißheit geworden war, kamen auf seine Anordnung hin von San Remo aus seine Tagebücher aus dem deutsch-französischen Krieg über die britische Botschaft in Berlin durch einen Sonderkurier ebenfalls nach England. Zu beiden Aktionen hatte ihm seine Frau geraten. Nach dem Tode ihres Mannes bat sie ihre Mutter, die Kisten aus Windsor zurückzuschicken, da der junge Kaiser die Öffnung und Durchsicht des schriftlichen Nachlasses seines Vaters angeordnet hatte. Eine Auswahl der Papiere wurde daraufhin im Berliner Hausarchiv deponiert.
Frage des Witwensitzes
Das gespannte Verhältnis zum Sohn verschlechterte sich noch mehr, als es um die Wahl des Witwensitzes für die Kaiserin Friedrich ging, wie sie sich von nun an nannte. Nicht einmal sie selbst, sondern ihre Mutter, die alte Queen in England, trug dem Enkel die Bitte vor. Am 3. Juli 1888 schrieb sie ihm: "Könntest Du ihr nicht Friedrichskron als Wohnsitz anbieten, auf jeden Fall ihr vorläufig überlassen, oder sonst Sanssouci?" Aber Wilhelm lehnte ab, da er das Schloß brauche, das er tatsächlich noch im selben Jahr bezog. Die Streichung des Namens Friedrichskron und Zurückbenennung in Neues Palais veranlaßte er natürlich auch sofort. Zwar behielt Victoria das Kronprinzenpalais Unter den Linden, doch ihren Witwensitz plante sie weit weg von Berlin.
Von allen ihr unterbreiteten Vorschlägen sagte ihr Kronberg im Taunus am meisten zu, wobei die Meinung des Berliner Hofgartendirektors Hermann Walter den Ausschlag gab. Mit gefüllter Kasse, denn sie hatte die Erbschaft einer vermögenden Freundin, der Herzogin de Galiera in Höhe von mehreren Millionen angetreten, ging sie an die Planung. Das Grundstück in Kronberg gehörte zum Nachlaß des aus Manchester stammenden Fabrikanten Jacques Reiß, dessen sich hier befindliches Haus sie abbrechen ließ. Nach Plänen des Architekten Ernst Eberhard von Ihne entstand auf dem durch benachbarte Äcker stark vergrößerten Grundstück auf 250 Morgen zwischen 1889 und 1893 ein stattliches Schloß im Stil des Historismus. Hier mischten sich deutsche Renaissance mit Tudorgotik, ausgeschmückt durch den damaligen englischen Landhausstil und einheimisches Fachwerk. Am 27. März 1894 konnte sie ihren Besitz beziehen, in dem alle Kunstschätze zusammengetragen waren, die sie und ihr Mann auf ihren Reisen erworben hatten. Wichtig war ihr der Name ihres Heimes. In Erinnerung an ihren Mann nannte sie es "Friedrichshof", was durch die Inschrift über dem Eingang "Friderici Memoriae" noch deutlicher gemacht wurde.
Die Entfernung von Berlin milderte das gespannte Verhältnis zum Sohn, so daß Besuche bei seiner Mutter von Homburg, Kassel oder Wiesbaden aus nicht nur als Höflichkeitsbezeugungen, sondern als ein spät einsetzendes gegenseitiges Verständnis betrachtet werden können. Nachdem sie sich über die vernachlässigte Burg Kronberg geäußert hatte, erwarb der Kaiser das marode Bauwerk vom Staat und schenkte es ihr zu Weihnachten 1891, also noch vor ihrem Einzug in Friedrichshof. Mit der Wiederherstellung wurde der Homburger Baurat Louis Jacobi beauftragt. Die völlige Renovierung erlebte die neue Besitzerin allerdings nicht mehr.
In Kronberg entfaltete Kaiserin Friedrich wohltätige und städtebauliche Aktivitäten. Bereits am 8. Oktober 1890 unterzeichnete sie die Schenkungsurkunde für eine Schule, die heutige Viktoria-Schule in Schönberg. Ihrer Tätigkeit sind ein Krankenhaus, Armenhaus und eine Volksbibliothek zu verdanken; ferner setzte sie sich für den Bau von Straßen und das Anlegen des Stadtparks ein. Auch die Renovierung der mittelalterlichen Johanniskirche ist ihr Verdienst. Durch ihre Anwesenheit wurde Kronberg ein Anziehungspunkt für wohlhabende Frankfurter Bürger, die hier ihre Villen bauten.
Besuch der Kaiserin Elisabeth
Der für seine Genauigkeit bekannte Autor Egon Caesar Conte Corti beschreibt in seiner Biographie der Kaiserin Friedrich einen Besuch Kaiserin Elisabeths von Österreich, der angeblich am 22. April 1898, also in deren Todesjahr, stattgefunden habe. Als Quelle nennt er einen Brief Victorias an ihre Mutter in England vom 23. April 1898 aus Homburg v.d. Höhe. Nun verzeichnet aber der immer akkurat arbeitende Königliche Kastellan Schasse keinen Besuch der Kaiserin Friedrich im Homburger Schloß nach dem 1. November 1893; das von Conte Corti angegebene Datum kann also nicht stimmen. Entweder fand der Besuch in Kronberg statt oder die österreichische Kaiserin war in den Jahren 1889, 1890 oder 1892 an einem 22. April in Homburg. An der unkonventionellen Art ihres Besuches ändert sich dadurch nichts.
In einer "elenden Droschke", wie die Kaiserin-Witwe ihrer Mutter mitteilte, war Elisabeth von Osterreich überraschend vor ihrem Hause erschienen, um ihr einen Besuch abzustatten. Weder ihre einfache Kleidung (dunkles Kleid, schwarze Schnürstiefel) noch ihr Aussehen überzeugten die Wache, die jene Fremde am Tor aufhielt, es handle sich um die Kaiserin von Österreich. Nur auf ihre Hartnäckigkeit hin durfte sie in der Wachstube Platz nehmen, bis dem Oberhofmarschall der Schloßherrin von der seltsamen Dame Meldung gemacht war. Der erkannte die österreichische Hoheit und führte sie unter tausend Entschuldigungen zur Kaiserin Friedrich. Wie diese weiter nach England berichtete, nahm ihr Gast keine der angebotenen Erfrischungen an.
Die beiden Frauen hatten sich im Dezember 1892 in Wien zum erstenmal gesehen, als das deutsche Kronprinzenpaar dort einen Staatsbesuch absolvierte. Victoria war von Schönheit und Charme Elisabeths begeistert, fand aber in ihrer Unbestechlichkeit zugleich kritische Worte über ihre sonstigen Fähigkeiten. Ihrer Mutter schrieb sie: "Es ist wirklich schwierig, ein Gespräch mit ihr in Fluß zu erhalten, denn sie scheint sehr wenig zu wissen und nur geringe Interessen zu haben. Die Kaiserin singt weder, noch zeichnet sie oder spielt Klavier und redet kaum von ihren Kindern ... Der Kaiser scheint in sie vernarrt zu sein, aber ich habe nicht den Eindruck, daß sie es in ihn wäre." Zwei Jahre nach diesem Besuch übernahm das österreichische Kaiserpaar die Patenschaft für den im Oktober 1864 geborenen Sigismund, einen früh verstorbenen Sohn des Kronprinzenpaares.
Spuren in Bad Homburg
Mit Homburg verband Kaiserin Friedrich eine Reihe guter Erinnerungen. Das hatte bei ihrem Aufenthalt von 1870 begonnen und setzte sich durch den Besuch der kronprinzlichen Familie vom 27. Juli bis 20. August 1878 fort. Prinz Wilhelm, der spätere Wilhelm II., traf am 10. August von seinen Bonner Studien kommend, ebenfalls im Schloß ein. In einem Brief wird ein beinahe tödlicher Unfall Wilhelms erwähnt, bei dem ihm auf dem Wege zur Saalburg die Pferde durchgingen. In Homburg entschied sich das weitere private Schicksal Prinz Wilhelms. Den Vorhaltungen seiner Mutter nachgebend, die gegen seine geplante Verbindung mit seiner Cousine Ella von Hessen-Darmstadt war und Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein favorisierte, versprach er ein Zusammentreffen mit dieser in Potsdam. Nur 10 Tage später entschied er sich tatsächlich für Auguste Viktoria. Im Jahr 1886 traf sich die Familie wieder in Homburg. Kronprinz Friedrich Wilhelm erholte sich hier nach einer Masernerkrankung vom 2. bis 20. Mai in Anwesenheit seiner vier Töchter. Von England kommend, traf seine Frau am 13. Mai ein; die Rückreise nach Berlin trat man gemeinsam an.
Das im Vergleich zu ihren frühereren Aktivitäten ruhige und verhältnismäßig abgeschiedene Leben in Kronberg veranlaßte sie, jede sich bietende Gelegenheit wahrzunehmen, um am Geschehen der näheren und weiteren Umgebung teilzunehmen und mit wichtigen Persönlichkeiten zusammenzutreffen. Als Ehrengast nahm sie an der Grundsteinlegung zur Russischen Kirche Allerheiligen im Jahr 1896 teil, bei der das russische Zarenpaar anwesend war. Auch die Einweihung dieser Kirche war 1899 für sie ein Ereignis, bei dem sie im Mittelpunkt stand. Die Nähe des Weltbades Homburg trug dazu bei, daß sie hier jederzeit mit englischen Landsleuten der Oberschicht Kontakt aufnehmen konnte, außerdem gehörte ihr Bruder, der Prince of Wales, zu den jährlich wiederkehrenden Gästen. Wollte sie als Gastgeberin auftreten, so verlegte sie manchmal ihre Einladungen ins Ritter's Park-Hotel.
Wo immer es möglich war, machte sie ihren Einfluß geltend. Das unter dem Namen "Dreikaiserhof" bekannte Institut Maria Ward im Weinbergsweg verdankt nicht zuletzt ihrem Eingreifen sein Bestehen in Bad Hornburg. Die Englischen Fräulein in Aschaffenburg hatten 1893 die Absicht, hier ein Erholungsheim für ihre Klosterfrauen und eine höhere Töchterschule zu eröffnen, stießen aber bei der Verwaltung in Wiesbaden auf Widerstand. Nach einem drei Jahre dauernden Tauziehen wurde 1896 aufgrund des Einsatzes der Kaiserin Friedrich die Genehmigung erteilt. Als gebürtige Engländerin sagte ihr die Aufnahme der englischen Sprache in den Lehrplan der Schule zu, außerdem folgte sie ihrer immer praktizierten liberalen Anschauung und war der Meinung, Katholiken sollte auch in einem vorwiegend protestantischen Bezirk das Recht auf das Führen einer Schule zugestanden werden. In Dornholzhausen übernahm sie 1897 das Protektorat zum nach ihr benannten Viktoriapensionat, einer staatlich konzessionierten höheren Töchterschule mit Schwerpunkt der Ausbildung zu Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen und Hauswirtschaftlerinnen. (Später wurde daraus das "Haus Elim"). Über Baurat Louis Jacobi, mit dem sie zeitlebens freundschaftlich verbunden blieb, nahm sie Einfluß auf den Standort der in der Planung begriffenen protestantischen Kirche in Homburg, die den Namen Erlöserkirche erhielt. Sie war es, die 1899 den Vorschlag machte, die dem Schloß gegenüber an der Dorotheenstraße liegenden alten Gebäude abzureißen und die Kirche auf dem gewonnenen Platz zu erbauen. Bei ihren mehrmonatigen Aufenthalten im Homburger Schloß während der Bauzeit ihres Witwensitzes in Kronberg wohnte sie im Englischen Flügel, den Landgräfin Elizabeth von Hessen-Homburg für sich eingerichtet hatte. Immer gewohnt, sich für ihre Umgebung zu interessieren, beschäftigte sie sich mit dem Schicksal ihrer Großtante Elizabeth. Dabei erinnerte sie sich wohl auch an einen Brief ihrer Mutter, der Queen, in dem diese der jungen Frau nach Berlin geschrieben hatte, sie solle für bessere hygienische Verhältnisse sorgen, wie das Elizabeth seinerzeit in Homburg getan und das englische water closet eingeführt hatte. Kaiserin Friedrich sprach oft und gerne von ihrer Großtante und regte an, ihr in Homburg ein Denkmal zu setzen. Die Realisierung erlebte sie allerdings nicht mehr. Nach ihrem Tode sorgte Kaiser Wilhelm II. für die Umsetzung dieses Wunsches und lud zur Denkmalsenthüllung vor der Englischen Kirche am Ferdinandsplatz zum 12. August 1908 seinen Onkel, König Edward VII. von Großbritannien, ein.
Bleibende Erinnerungen
Bereits 1893 beschloß der Homburger Oberbürgermeister eine am Kurpark gelegene, ruhige Straße in Viktoriaweg umzubenennen. Leider ist die Reaktion der auf diese Weise Geehrten nicht bekannt. Immer bestrebt, den Namen ihres Mannes im Gedächtnis der Menschen zu festigen, begrüßte sie den 1889 aufkommenden Gedanken des Magistrats, die Untere und Obere Promenade jetzt "Kaiser-Friedrich-Promenade" zu nennen. Auch das 1892 auf dem Schmuckplatz im Kurpark aufgestellte Denkmal für Kaiser Friedrich III. ist ihrer Initiative zu verdanken. Nach ihrem Tode erhielt sie 1902 an dieser Stelle ihr eigenes Denkmal, für das ihr Sohn gesorgt hatte. Durch die Namensgebung an das damalige Realgymnasium für Knaben ist ihr Namen seit 1900 in der Bezeichnung "Kaiserin-Friedrich-Schule" erhalten.
Während der Bauzeit von Schloß Friedrichshof wurde für sie eigens ein Fahrweg durch den Wald gebaut, der sich von Kronberg bis zum Ortseingang von Oberstedten erstreckte und an einer Stelle den Haidtränkbach überquerte. Diese kleine Brücke zeigt noch heute am natursteingemauerten Brückenbogen die eingemeißelten Initialen V und F für Victoria und Friedrich sowie die Jahreszahl 1891. 1988 brachte der Heimatforscher Hermin Herr aus Liederbach die Forstämter von Königstein, Bad Homburg, Kronberg und Oberursel dazu, 11 holzgeschnitzte Schilder mit der Aufschrift "Kaiserin-Friedrich-Weg" zur Erinnerung an diese Fahrten zu finanzieren; der Verkehrsverein Kronberg bezahlte das Schild "Kaiserin-Friedrich-Brücke".
Verschwunden sind zwei Bildnisreliefs, die sich zu Ehren des Geschwisterpaares Victoria und Edward in der Englischen Kirche befanden. Auf der Marmorplatte unter dem Bild Victorias von 1903 stand ein englischer Text,6) der im Deutschen wie folgt lautete:
"Zum Gedenken an Ihre Majestät, Kaiserin Friedrich, Princess Royal von Großbritannien und Irland, die am 5. August 1901 starb, wurden diese Tafel und die 4 Reliefs, die Evangelisten darstellend, in dieser Kirche angebracht, wo Ihre Majestät oft den Gottesdienst besuchte. 15. August 1903."
Nach der Entwidmung der Kirche vom Jahr 1914 verschwand die Marmorplatte und tauchte nie wieder auf. Das Erinnerungsrelief an König Edward VII. überlebte zumindest den Ersten Weltkrieg, doch verlor sich später auch seine Spur.
Tragischer Krebstod
Traurig verliefen die letzten Jahre der Kaiserin Friedrich. Die geübte Reiterin, die seit über 50 Jahren immer fest im Sattel saß, erlitt am 5. September 1898 einen schweren Reitunfall, als ihr Pferd vor einer Dreschmaschine scheute. Ob die schmerzhafte Krebserkrankung, der sie schließlich erlag, eine Folge dieses Sturzes war oder unabhängig davon eintrat, steht nicht fest. Am 5. August 1901 starb sie im Alter von 61 Jahren und folgte ihrer Mutter, der Queen Victoria, nach nur sechs Monaten im Tode nach. Ihr Leichnam wurde in der Kronberger Johanniskirche aufgebahrt, am 12. August zum Bahnhof Kronberg gebracht und per Sonderzug nach Potsdam überführt. Im dortigen Mausoleum in der Nähe der Friedenskirche ist sie neben ihrem Mann und den beiden früh verstorbenen Kindern beigesetzt.
Dieser Krebstod bewegte die Menschen damals mehr, als man sich heute vorstellen kann. Der seit 1899 in Frankfurt am Main forschende Geheime Medizinalrat Professor Dr. Paul Ehrlich erhielt so viele Spenden aus ganz Deutschland, vor allem aus dem Frankfurter Raum, daß er an seinem Institut eine eigene Forschungsabteilung für Krebs einrichten konnte. Hier erfolgten in den nächsten Jahren Aufschlüsse über die Wirkung von Wärme und von Radiumstrahlen auf Krebs, durch die man in der Krebsforschung ein Stück weiterkam.
Das Erbe
Schloß Friedrichshof und die Burg gingen im Erbgang dem Wunsche der Kaiserin Friedrich entsprechend an ihre jüngste Tochter Margarethe, die zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt war. Als Ehefrau Landgraf Friedrich Karls von Hessen-Kassel gehörte sie zu den finanziell weniger begünstigten der vier Töchter, was die Mutter zu dieser Vermögensteilung bewogen hatte. Die Landgräfin hielt sich so lange wie möglich an den Wunsch der Verstorbenen, das Schloß mit seinen Kunstschätzen unverändert zu erhalten. Im Frühjahr 1945 beschlagnahmten amerikanische Truppen Friedrichshof und nutzten es bis 1953. Ein Teil der wertvollen Sammlung und der größte Teil der Juwelen des landgräflichen Hauses wurden entwendet und nur zum kleinsten Teil zurückerstattet. Die Söhne der 1954 verstorbenen Landgräfin Margarethe und Enkel der Kaiserin Friedrich beschlossen, das Haus in das "Schloßhotel Kronberg" umzuwandeln und im Park, unter weitgehender Schonung der Bäume, einen Golfplatz anzulegen. Der gesamte Besitz ist jetzt Eigentum der Kurhessischen Hausstiftung. Heute steht das Schloßhotel als Nummer 1 an der Spitze aller deutschen Luxushotels, europaweit ist es Nummer 4. Die Burg Kronberg, die sich seit 1919 in der Verwaltung der Hessischen Hausstiftung befand, wechselte am 1. Dezember 1992 für 900 000 DM den Besitzer und gehört seither der Stadt Kronberg. Ausgenommen ist die Hauskapelle, die zur Grabstätte des Landgrafenhauses wurde und deshalb der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

QUELLEN UND LITERATUR
Zur Baugeschichte des Königlichen Schlosses zu Homburg v.d.H. Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen
Egon Caesar Conte Corti: Wenn ... Sendung und Schicksal einer Kaiserin, Graz 1954
Briefe der Kaiserin Friedrich. Hrsg. Sir Frederick Ponsonby, Berlin 1929
Emil Ludwig: Wilhelm der Zweite, Berlin 1926
Herzogin Viktoria Luise: Im Glanz der Krone, Stuttgart 1967
Herzogin Viktoria Luise: Ein Leben als Tochter des Kaisers, Göttingen 1970
Brigitte Hamann: Elisabeth, Kaiserin wider Willen, Wien 1982
Michael Balfour: Kaiser Wilhelm II. und seine Zeit, Frankfurt am Main 1979
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Die Jugend des Kaisers 1859-1888, München 1995
Stanley Weintraub: Albert, The uncrowned King, London 1996
Iselin Gundermann: Kaiser Friedrich III. Ausstellungskatalog des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1988
Princess Catherine Radziwill: The Empress Frederick, London 1934
Daniele Varà: Abschied von den Königen, Frankfurt am Main 1952
Robert K. Massie: Nikolaus und Alexandra, Frankfurt am Main 1968
Heinz Biehn: Residenzen der Romantik, München 1970
Heinz Biehn: Schloß Friedrichshof und seine Erbauerin. Kunstführer, München 1975
August Wiederspahn: Jugendtage im alten Kronberg, Frankfurt am Main, o.J.
Hermin Herr: Erinnerungen an Kaiserin Friedrich, in: "Alt Homburg" 1988/8
Ausstellungskatalog: Paul Ehrlich, Forscher für das Leben. Hoechst o.J.

Fußnoten

1) Seinen 39. Geburtstag feierte er am 26. August 1858 in Potsdam, wo seine Tochter die Geburtstagstorte nach preußischem Brauch mit 39 Kerzen schmückte. Ob es sich dabei um die bis heute verbreitete "Kaiserin-Friedrich-Torte" handelte, kann nicht eindeutig festgestellt werden. Für diese Torte "wie sie im Schloß zu Berlin zubereitet wurde" braucht man: 375 g Butter, 8 Eigelb, 1/2 Pfund Zucker, 1/8 Pfund süße Mandeln, 10 bittere Mandeln, 1 abgeriebene Zitrone, 1 Pfund Mehl, 1 Backpulver, 8 Eischnee, Puderzucker zum Guß und Zitronat zum Garnieren. Der Rührteig wird in der Sternform eine Stunde gebacken. ("Berliner Küche", Herausg. Felix Henseleit, Verlag Ullstein, Berlin 1959).
2) Deutsche Ausgabe: Briefe der Kaiserin Friedrich' Herausg. Sir Frederick Ponsonby. Eingeleitet von Wilhelm II. Verlag für Kulturpolitik, Berlin 1929. Wilhelm II. fand hier die folgenden Worte über seine Mutter: "An Geist und edlem Wollen über den Meisten ihrer Zeit, war sie die ärmste, unglücklichste Frau, die jemals eine Krone trug".
3) Namen und Geburtstage der Kinder: Wilhelm 27. Januar 1859; Charlotte 24. Juli 1860, Erbprinzessin von Sachsen-Meiningen; Heinrich 14. August 1862, Sigismund Oktober 1864 (starb 1866); Victoria 12. April 1866, Prinzessin von Schaumburg-Lippe; Waldemar 10. Februar 1868 (starb 1879); Sophie 14. Juni 1870, Kronprinzessin von Griechenland; Margarethe 22. April 1872, Landgräfin von Hessen.
4) Beschreibung und Abbildung: Der letzte Kaiser, Wilhelm II. im Exil. Ausstellungskatalog. Herausg. Hans Wilderotter. Deutsches Historisches Museum Berlin, 1991, Seite 178.
5) Der Homburger Geheime Medizinalrat Dr. Wilhelm Deetz, Brunnen- und Badearzt, 1870/71 Chefarzt des Homburger Lazaretts,
6) Der englische Originaltext lautete: "In memory of Her Majesty the Empress Frederick, Princess Royal of Great Britain & Ireland who died August 5th, 1901 this tablet & the four reliefs representing the evangelists have been placed in this church where Her Majesty was frequently a worshipper, August 15thp 1903."

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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