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Anton von Werner

Achtes Kapitel - 1874

Sommerabende im Neuen Palais

Die kronprinzlichen Herrschaften hatten die Reformversuche der Akademie, über die ich bei gelegentlichen Einladungen ins Neue Palais während des Sommers öfters berichtete, mit lebhaftem Interesse verfolgt, und es fanden auch jetzt wiederholt Besprechungen darüber statt, nachdem ich eines Tages den Herrschaften auf ihren Wunsch in der Kunstausstellung im alten Akademiegebäude als Führer gedient hatte.
Die Sommerabende im Neuen Palais hatten einen besonderen Reiz durch den ländlichen Charakter, den die Frau Kronprinzessin ihnen zu geben liebte, und ich erinnere mich mit besonderem Vergnügen eines mondbeglänzten zauberhaften Abends am 28. September jenes Jahres. Der Tee wurde nach einer Promenade durch den Garten im chinesischen Pavillon eingenommen, dessen nächste Umgebung von Rosenparterres und Blumenbuketts mit chinesischen Lampions beleuchtet war; es wurde dicke Milch serviert, die ich aber nicht sonderlich liebe und von deren Genuß mich daher die Frau Kronprinzessin huldvoll und lachend dispensierte. Sie trug an diesem Abend einen großen schwarzen Rubenshut mit weißer Feder zu einem dunklen Kostüm und sah in der mystischen Beleuchtung bezaubernd aus. Außer mir waren nur die Direktoren des Kunstgewerbemuseums, der Baumeister Grunow und Dr. Julius Lessing, geladen, und die Unterhaltung drehte sich besonders um die Förderung dieser damals noch kümmerlich untergebrachten Anstalt, die ihr Entstehen der Initiative der Frau Kronprinzessin verdankte, und um die Hebung des Kunstgewerbes, für das die hohe Frau stets die lebhafteste und verständnisvollste Anteilnahme bekündete.
Maßgebend waren für sie in dieser Richtung die Erfahrungen, die sie in England gemacht hatte und die zunächst dahin gingen, dem praktischen Handwerker die Möglichkeit zu verschaffen, sich durch das Studium mustergültiger Schöpfungen seines Faches für sein eigenes Schaffen zu stärken und sein Gefühl für das Schöne zu entwickeln. Daß aus den Kunstgewerbeschulen dank dem Lehrerehrgeiz ihrer Leiter beschränkte Kunstakademien werden sollten die das Malen von Porträts, Akten und Landschaften als das Endziel ihrer Aufgabe betrachten, würde sie für ebensowenig erstrebenswert gehalten haben wie die einseitige Pflege irgend eines besonderen Stiles oder gar die Heranbildung jugendlicher Gewerbe- und Raumkünstler, die, ohne selbst Handwerker zu sein, als Leiter von Werkstätten gebraucht werden sollten. Die Frau Kronprinzessin war infolge eigener künstlerischer Tätigkeit und durch eingehendes Studium auf kunstgewerblichem Gebiete genügend geschult, um sich ein Urteil erlauben zu dürfen, was in Unterhaltungen wie der oben erwähnten zu deutlichem Ausdruck kam.

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