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Anton von Werner

Neuntes Kapitel - 1875

Kostümfest: "Der Hof der Mediceer"

Die Frau Kronprinzessin hatte sich in den letzten Jahren mit besonderem Eifer künstlerischen Studien hingegeben und soviel es ihre Zeit erlaubte nach der Natur gezeichnet und gemalt, Kostümfiguren und Porträts von Damen aus dem Bekanntenkreise der hohen Frau, auch meine Frau hatte die Ehre gehabt, ihr als Porträtmodell zu dienen.
Die Freude am künstlerischen Gestalten hatte bei den kronprinzlichen Herrschaften den Gedanken angeregt, an ihrem Hofe ein Kostümfest zu feiern, wie ein solches seit Jahrzehnten bei Hofe nicht stattgefunden hatte. Eine Anzahl der dem kronprinzlichen Kreise näher stehenden Künstler, u. a. Graf Harrach, Professor E. Doepler d. ältere, E. Ewald, A. v. Heyden und meine Wenigkeit, wurden berufen, unter Leitung des Hofmarschalls Grafen A. Eulenburg und Mitwirkung des Grafen Seckendorff ein Programm zu entwerfen und für die Ausführung desselben tätig zu sein. Das Fest fand am 8. Februar im kronprinzlichen Palais unter dem Titel "Der Hof der Mediceer" statt und fiel sehr glänzend aus. Das Motiv des Festes war eine Huldigung der Künste. Die eingeladenen Künstler, zu denen C. Becker, L. Knaus, Menzel, P. Meyerheim, Oskar Vegas, W. Gentz, O. Knille und andere außer den schon oben genannten gehörten, huldigten mit einem lateinischen Gedichte, das Ernst Ewald vorzüglich sprach. Eine Sängerschar, unter der sich u. a. Moltkes Neffe Hauptmann von Burt und der russische Gesandtschaftsattache von Benckendorff befanden, trug altitalienische Gefänge vor. Schließlich wurden vier aus der Hofgesellschaft zusammengestellte Quadrillen getanzt, für welche die an dem Feste beteiligten Künstler die Kostüme gezeichnet und ihre Ausführung überwacht hatten; ich übernahm die altslawische, die Gelegenheit für besonders glänzende Kostüme bot. Ganz außerordentlich tätig für die Herstellung historisch möglichst echter Kostüme waren außer Graf Harrach Professor Emil Doepler und A. v. Heyden gewesen, deren umfassende Kenntnisse in der Kostümkunde ja rühmlichst bekannt waren.

Die Frau Kronprinzessin erschien in der Tracht der Bella di Tiziano, der Kronprinz trug ein Kostüm ganz in dunkelrot, das dem bekannten Porträt Heinrich VIII. von H. Holbein nachgebildet war und dem blondbärtigen, kraftvollen Herrn vorzüglich kleidete. Ganz besonders schöne Erscheinungen waren die Damen Frau Paula v. Winterfeld, Frau v. Kurowski und Fräulein Margarethe v. Faber du Faur, die im Gefolge eines orientalischen Fürsten einherschritten und allgemeine Bewunderung hervorriefen. Kaiser Wilhelm, sein Bruder Prinz Karl und andere ältere Herren waren in Domino und Eskarpins erschienen, der Kaiser war in vergnügtester Stimmung und unermüdlich, und befahl eine Wiederholung des Festes in der nächsten Zeit im Königlichen Schlosse. Den an dem Huldigungszuge beteiligten Künstlern waren, als sie nach beendetem Vortrage des Huldigungsgedichtes an dem fürstlichen Paare vorüberzogen, das inmitten seines Hofstaates auf einer erhöhten Estrade Platz genommen hatte, von der Frau Kronprinzessin kleine, zierliche Schriftrollen überreicht worden, die auf Seide gedruckt Distichen enthielten, die sich auf die Eigenart des betreffenden Künstlers bezogen; der Hofmarschall von Normann hatte bei ihrer Abfassung wohl dichterisch mitgewirkt.
Das Mediceer-Hoffest war zweifellos ein Ausdruck des lebhaften Interesses, das die kronprinzlichen Herrschaften für die Berliner Künstlerschaft hegten, und das sie auch bekundeten, indem sie auf einem gegen Ende der Saison vom Verein Berliner Künstler veranstalteten Kostümball erschienen, der zwar wegen der Überfülle der gebotenen dramatischen Genüsse nicht recht glückte, die Künstlerschaft aber schwärmte für das Kronprinzenpaar.

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