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Anton von Werner

Zehntes Kapitel - 1875

Mit dem Kronprinzenpaare in Venedig

Nachdem ich meinen Geburtstag in München mit Hans Thoma und einigen anderen alten Freunden im Hotel Leinfelder gefeiert hatte, fuhr ich nach Venedig ab, wo ich am 11. Mai früh 5 Uhr ankam. Ich war erstaunt, auf dem Bahnhof von dem fast vollzähligen Künstlerpersonal des Stabilimento Salviati, mit dem Chef an der Spitze, empfangen zu werden, das mich mit einer wahren Flotte von Gondeln ins Grand Hotel begleitete. Da ich doch nicht mehr schlafen konnte, so ging ich schon um 8 Uhr ins Hotel Danieli, wo die Kronprinzlichen Herrschaften abgestiegen waren, in der Hoffnung, vielleicht Graf Seckendorff oder Oberst Mischke schon sehen zu können. Zu meiner größten Überraschung war die Frau Kronprinzessin schon auf und ließ mir sagen, daß sie mich zu sehen wünsche. In ihrer herzlichen und liebenswürdigen Weise forderte die hohe Frau mich auf, ins Hotel Danieli zu übersiedeln, damit wir bequemer gemeinschaftliche Ausflüge machen könnten. In der Begleitung der Herrschaften befanden sich außer Graf Seckendorf, Oberst Mischke und dem Major v. Unruh die Hofdame Gräfin Bernstorff und die Gräfin Dönhoff, geborene Principessa di Camporeale, Stieftochter des damaligen italienischen Ministerpräsidenten Marco Minghetti, spätere Fürstin Bülow. Dem glücklichen heiteren Naturell dieser entzückenden Frau, für welche die Frau Kronprinzessin eine innige freundschaftliche Zuneigung hegte, ihrem sprudelnden Geiste und ihrer Grazie war es vor allem zu verdanken, daß sich der Aufenthalt in Venedig für diesen kleinen Kreis gleichfühlender Menschen, dem noch der in Venedig angesessene liebenswürdige und geistvolle Ludwig Passini hinzutrat, zu einem wahrhaft sonnigen gestaltete. Wir machten täglich zusammen Ausflüge, freuten uns des Genusses von Venedigs Kunstschätzen und aquarellierten zusammen, die Frau Kronprinzessin, Graf Seckendorff, Passini und ich. Ich bewahre als Andenken an diese Zeit ein Aquarell vom Klosterhof San Gregorio, für das mir die Frau Kronprinzessin zuletzt noch als Staffagefigur, auf einen Korb mit Gemüse gelehnt, den ein Junge gerade vorbeitrug, Modell stand. In Passinis Atelier malte die Frau Kronprinzessin den Kopf einer hübschen jungen Venetianerin, während Passini und ich die Gräfin Dönhoff aquarellierten. Die heitere Stimmung, welche unsere Gesellschaft von früh bis spät nicht verließ, stieg eines Tages an der Mittagstafel zu einer beängstigenden Höhe, als nach einem Witzworte des mit ungewöhnlich trockenem Humor begabten Oberst Mischke die Frau Kronprinzessin so ins Lachen geriet, daß sie sich verschluckte und einem Erstickungsanfall nahe zu sein schien.
Auch ein Ausflug nach Padua stand unter dem Zeichen höchster Heiterkeit, trotz des Ernstes, mit welchem wir die Kunstschätze von San Antonio zu studieren beabsichtigten. Aber die Erklärungen des Führers, die Umständlichkeit, mit welcher die Reliquien und andere Schätze des Domes der Frau Kronprinzessin vorgeführt wurden, und die Übersetzung, die uns Gräfin Dönhoff von den begleitenden Erläuterungen gab, waren derart komisch, daß man nur mühsam den nötigen Ernst bewahren konnte, besonders wenn man einen Blick auf Mischkes Gesicht warf. Wir waren froh, als sich die zurückgedrängte Heiterkeit bei dem Frühstück im Hotel Luft machen konnte, und sie hielt noch auf der Rückfahrt nach dem Bahnhof an. Die Frau Kronprinzessin saß mit der Gräfin Dönhoff, die eine Zigarette rauchte, im Fond des Wagens, Graf Seckendorff und ich auf dem Rücksitz; einem Jungen, der neben dem Wagen herlaufend Finochio anbot, wurden einige Stengel abgekauft und lachend verzehrt, und die Paduaner blickten den beiden Damen ob ihrer Heiterkeit ganz verwundert nach.
Der Kronprinz kam nach etwa achttägiger Abwesenheit wieder nach Venedig am 15. Mai zurück; er war die Nacht über gefahren und stockheiser, als wir ihn morgens 5 Uhr am Bahnhof empfingen. Für den Abend hatte die liberale Partei der Venetianer dem Kronprinzen eine Ovation durch eine Serenade zugedacht und vorbereitet, die eine Demonstration gegen den feierlichen Empfang bedeuten sollte, den die klerikale Partei dem Kardinal Trevisanato, Erzbischof von Venedig, bereitet hatte. Ein Artikel im "Rinovimento" hatte die Serenade angekündigt, und das Blatt war mir zugesendet worden mit dem Ersuchen, den Kronprinzen darauf vorzubereiten. Seckendorff und Mischke wollten die Mission nicht übernehmen, und als sich dann am Abend nach dem Diner die Hunderte von erleuchteten Gondeln unter Musikbegleitung der Piazetta näherten, blieb mir nichts übrig, als dem Kronprinzen über die Bedeutung dieser dimostrazione politica zu berichten.
Der ganze Platz vor dem Hotel Danieli und die Barken waren dicht gefüllt von Menschenmassen. Die Facchini trugen Fackeln, ein Musikkorps spielte das Preußenlied, aus Tausenden von Kehlen schallte das "Evviva Prussia" und "Evviva Fritz", und wenn die Musiker ein anderes Stück spielten, so wurde gepfiffen.
Der hohe Herr war völlig überrascht und befand sich in einiger Verlegenheit, wie er sich dazu benehmen sollte, da er sich in Venedig incognito als Graf v. Linggen aufhielt. Ich erlaubte mir, auf die Herzlichkeit und die Bedeutung der Ovation hinzuweisen, die dem erlauchten Gaste der Lagunenstadt gelte, und bat den Kronprinzen, sich doch, um nicht unnötige Verstimmung hervorzurufen, einen Augenblick auf dem Balkon zu zeigen und eine Deputation von einigen Herren, zu denen auch Salviati gehörte, ganz inoffiziell zu empfangen. Der hohe Herr wies auf gewisse Schwierigkeiten politischer Natur hin und daß er - Wenn ich mich recht erinnere, wohl früher oder kürzlich - beauftragt gewesen sei, den Papst Pius IX. zu besuchen, aber nicht König Viktor Emanuel. Die Volksmenge unten vor dem Hotel schrie unaufhörlich Evviva und wollte den Kronprinzen sehen; die Musik spielte andauernd das Lied: "Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben", und der Kronprinz bemerkte dazu: "Wenn Sie doch mit dem Liede aufhören wollten und wüßten, was es bedeutet; mir ruft es immer die Zeiten des traurigsten Partikularismus ins Gedächtnis!"
Ich verwies den hohen Herrn darauf, daß die Italiener in ihm die Verkörperung des deutschen Einheitsgedankens und der liberalen Weltanschauung begrüßten, - dies war ungefähr der Inhalt des Rinovimento-Artikels. Der Kronprinz antwortete seufzend: "Wenn Sie wüßten, wieviel Kummer mir die deutsche Einheit gemacht hat, für die ich seit meiner Jugend mit Leib und Seele eingetreten bin! Aber Sie haben Recht, die Italiener, die ja in ähnlicher Lage waren wie wir, verstehen mich vielleicht besser." Nach einigem Zögern und als die Volksbewegung unten immer lauter zu uns heraufklang, trat er dann mit seiner Gemahlin mehrmals auf den Balkon hinaus, von stürmischem Beifallsklatschen und den Rufen "Evviva Fritz" empfangen. Gleich darauf erschien eine Deputation von Herren im Salon und begrüßte die kronprinzlichen Herrschaften mit einer kurzen Ansprache, die der Kronprinz dankend erwiderte, während die Frau Kronprinzessin ein Bukett in Empfang nahm.
Obgleich die Piazetta dicht gedrängt voller Menschen war, wünschten die Herrschaften doch noch einen Spaziergang auf dem Markusplatz zu machen und stiegen mit ihrem Gefolge in das Gewühl von Menschen hinunter, die ihnen natürlich nachdrängten. Doch genügten einige Worte von Graf Seckendorff und mir an einige uns unbekannte Herren, und die das kronprinzliche Paar umdrängende Masse war wie mit einem Zauberschlage zerstreut. Die Venetianer kannten die Herrschaften natürlich genau, waren aber außerordentlich taktvoll und zurückhaltend so daß die Frau Kronprinzessin z.B. ganz allein in der Nähe des Campanile Sitzen und aquarellieren konnte oder die Tauben füttern, ohne von Neugierigen belästigt zu werden. Zuweilen spazierte ich mit dem Kronprinzen abends nach dem Diner auf dem Markusplatze auf und nieder, der hohe Herr nahm dann auch gern an einem der kleinen Tische, die vor den Cafes aufgestellt waren, inmitten der Menge platz und belustigte sich an dem Treiben der venetiantschen Straßenjungen, wenn sie sich um die ihnen zugeworfenen Kupfermünzen balgten. Öfter wurde das Diner oder der Tee auch auf dem Lido in dem Badeetablissement eingenommen, dessen Einrichtung aber damals noch schlichter und einfacher war als jetzt; die Gesellschaft fuhr in der Regel in Gondeln dorthin; nur einmal, als der Ministerpräsident Marco Minghetti den kronprinzlichen Herrschaften seinen Besuch machte, wurde der kleine Dampfer benutzt, der von der Riva degli Schiavoni aus regelmäßig seine Fahrten nach dem Lido machte. Wenn es abends zur Rückfahrt ging, wurde der Ruf laut: "Ecco le gondole pei fumatori!", und es wollte dann niemand in die Gondel zu den kronprinzlichen Herrschaften steigen, weil in der Nähe der Frau Kronprinzessin natürlich nicht geraucht werden durfte. Die hohe Frau aber rief lachend: "Kommen Sie nur. Sie können hier auch rauchen, nur rauchen Sie nicht von meines Mannes Zigaretten, die taugen nichts."
...
Auch für die kronprinzlichen Herrschaften hatte inzwischen die Ab= Abschiedsstunde geschlagen. Am Abend ihrer Abreise erscholl noch einmal eine Serenade vor dem Hotel Danieli, dann strahlten die im Hafen liegenden Schiffe in bengalischem Lichte auf und die kronprinzlichen Herrschaften bestiegen mit ihrem Gefolge die bereitlegenden Gondeln zur Fahrt nach dem Bahnhofe. Ich hatte mit der Gräfin Dönhoff die Ehre, das hohe Paar in ihrer Gondel auf dieser Fahrt begleiten zu dürfen. Der Canale grande war in seiner ganzen Breite dicht gedrängt voller glänzend illuminierter Gondeln, Musikchöre wechselten mit Sängerchören ab, das Ganze schwamm wie ein riesiges Floß den Canale grande langsam hinauf, viele Herren stiegen von Gondel zu Gondel bis zu dem kronprinzlichen Paare und überreichten Buketts. Die Paläste auf beiden Seiten des Kanals erstrahlten, sobald sich der Zug näherte, in wechselndem bengalischen Lichte, die Rialto-Brücke war dicht gedrängt voller jubelnder Menschen, und über all den Jubel, die buntfarbigen Laternen der Gondeln und die bengalischen Flammen ergoß der Mond aus wolkenlosem Himmel sein ruhiges Silberlicht. Es war ein unbeschreiblich zauberhaftes Bild! Unter dem brausenden Evviva und Jauchzen der Menge entstieg das Kronprinzliche Paar der Gondel und schritt, freundlich grüßend und dankend, die Stufen zum Bahnhof hinauf, wo noch einige offizielle Vorstellungen und Verabschiedungen auszuhalten waren, ehe der Zug abfuhr.

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