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Anton von Werner

Fünfunddreißstes Kapitel - 1886

Soirees im kronprinzlichen Palais

Der Geburtstag der Frau Kronprinzessin, die drei Monate in Italien zugebracht hatte, wurde am 23. November im kronprinzlichen Palais durch eine Soiree gefeiert, in der außer der Familie, einigen Fürstlichkeiten, Hofchargen und den Mitgliedern der englischen Botschaft auch Feldmarschall Graf Moltke, die Professoren Helmholtz, Hans Delbrück und als Künstler außer mir Albert Hertel zugegen waren. Hertel war im Sommer mit den Herrschaften in Campiglio gewesen und hatte dort mit der Frau Kronprinzessin zusammen aquarelliert.
Die hohe Frau klagte darüber, daß sie sich nach dem Aufenthalt im sonnigen Süden nur schwer hier wieder zurechtfände und der Tiergarten ihr trübe und schmutzig erschiene. Es wurde musiziert, wobei auch Frau Artôt de Padilla, die in Berlin heimisch gewordene vielbewunderte große Sängerin, mitwirkte und sich, wie immer, ungeteilten Beifalls zu erfreuen hatte.
Die auf der Seite nach dem Opernhaus zu belegenden Gemächer der Frau Kronprinzessin, die sich vermittels des Verbindungsganges über der Oberwallstraße bis ins Prinzessinnenpalais hinüber erstreckten, wo sich auch ihr Atelier befand, hatten im vergangenen Jahre einen besonders wertvollen künstlerischen Schmuck durch die kostbare Sammlung an Waffen und Antiquitäten aller Art erhalten, die der verstorbene Sammler Robert-t'ornow der kunstsinnigen Fürstin vermacht hatte und die sie in liberalster Weise für Studien zur Verfügung stellte, so u. a. an Hermine v. Preuschen, die hier längere Zeit malte. In dem zum Prinzessinnenpalais gehörigen Garten gegenüber dem Opernhaus promenierte das kronprinzliche Paar im Winter zuweilen eine halbe Stunde, wenn das Wetter es erlaubte, und öfters habe ich hier anregende Unterhaltung mit den Herrschaften über künstlerische Angelegenheiten gepflogen. Bei der wohlbekannten Liebe zur Kunst, welche die hohe Frau auszeichnete, konnte es nicht fehlen, daß sie in ihrem Wunsche, nach dieser Richtung zu fördern, soweit es ihr möglich war, von vielen Seiten in Anspruch genommen wurde, und es war mir stets eine besondere Freude, wenn ich, durch ihr Vertrauen beehrt, mit Rat und Tat dabei mitwirken konnte. So verdankt unsere Hochschule dem Umstande, daß sich ein Kunstfreund, Dr. Hermann Günther, an die Frau Kronprinzessin 1879 mit der Bitte wandte, ihm Ratschläge für die Verwendung seines zu hinterlassenden Vermögens zu künstlerischen Zwecken zu erteilen, eine Stiftung zur Förderung der Monumentalmalerei und des Kupferstichs, die seinen Namen trägt und nach seinem am 13. März 1887 erfolgten Hinscheiden am 21. Dezember 1888 durch ministeriellen Erlaß bestätigt wurde.
Als der Prinz-Regent Luitpold von Bayern nach seinem Regierungsantritt zum Besuche des Kaisers nach Berlin gekommen war, hatte der hohe Erbe der kunstfreundlichen Traditionen seines Hauses den Wunsch ausgesprochen, vor allem einige Ateliers von Berliner Künstlern zu besuchen, und auch ich hatte die Ehre, ihn am 8. Dezember in meinem Atelier zu empfangen, wohin die Frau Kronprinzessin ihn geleitet hatte; der Kronprinz erschien etwas später. Ich war erfreut zu hören, daß sich der Prinz-Regent meiner erinnerte, als er aus dem Wagen steigend mich mit den Worten begrüßte: "Wir kennen uns ja schon von Versailles her", und zu sehen, welche Herzlichkeit das kronprinzliche Paar ihm entgegenbrachte. Am Abend fand dem hohen Gast zu Ehren eine Soiree im kronprinzlichen Palais statt, und am Morgen begrüßte ich ihn noch in der Akademie, wo er das Atelier von Fritz Schaper besuchte. Der Kronprinz war während seines Besuches in meinem Atelier in heiterster Laune, fragte beim Abschied, warum ich ihm meine Kinder, die er hinter den Gardinen des Erkers bemerkte, diesmal unterschlagen habe und begrüßte aus der Haustür tretend die jungen Damen des Groschke'schen Pensionats gegenüber, die alle Fenster besetzt hielten, lachend, indem er die Mütze schwenkte. - Es sollte der letzte Besuch des geliebten Herrn in meinem Hause sein! ...

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