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Anton von Werner

Achtunddreißigstes Kapitel - 1887

Bei Kronprinz Friedrich Wilhelm in Baveno

Am 17. Oktober reiste ich von Karlsruhe nach Baveno ab und traf dort, nachdem ich in Luzern übernachtet hatte, am Abend des 18. Oktober, am Geburtstage des Kronprinzen, ein. Der St. Gotthardt, den ich vormittags passierte, war tief verschneit, aus der italienischen Seite war es aber milde und die Sonne sandte gegen Mittag recht warme Strahlen aus azurblauem Himmel auf die noch reich belaubte Landschaft hernieder, als der Zug von Bellinzona aus die Höhen am Lago maggiore hinausdampfte.
Der Blick von oben herab auf den blauen See, auf die schroffen Bergwände des gegenüberliegenden Ufers und auf die vom See tief unten bis zum Bahngleise hinaufklimmenden teilweise ruinenhaften Häuser und Ortschaften, wurde immer malerischer. Es war schon dunkel, als der Zug in Laveno ankam, wo ich den Dampfer bestieg, der mich nach Baveno hinüberführte, aber um so wirkungsvoller war der Anblick, der sich darbot, als sich der Dampfer dem jenseitigen Ufer näherte, Pallanza, Intra und Baveno waren dem kronprinzlichen Geburtstage zu Ehren festlich illuminiert, FeuerWerk und Musik in allen Orten, glänzend erleuchtete mit Laub und Teppichen dekorierte Barken glitten unter den Klängen von Musik und Gesang an der Küste von Baveno hin und her, übertönt von dem Zischen und Prasseln der Raketen, Feuerräder und den Böllerschüssen des Feuerwerks, die ganze Natur, die Menschen, alles, alles jubelte, - und da oben von der Villa Clara in Baveno aus sollte der Liebling, der Siegfried des deutschen Volkes, diesem Jubel als ein dem Tode vorzeitig Geweihter zuschauen, in dem sicheren Bewußtsein, unrettbar dem unerbittlichen Verhängnis zuzueilen?! Ein furchtbarer Gedanke, der mich erschauern machte! Ich eilte, im Grand Hotel Baveno abgestiegen, sofort in die nur fünf Minuten davon entfernte Villa Clara hinüber, um dem Kronprinzen die Grüße seines kaiserlichen Vaters zu überbringen und ihm meine Glückwünsche zu seinem Geburtstage auszusprechen. Ich fand die ganze kronprinzliche Familie im Salon versammelt, auch die Prinzen Wilhelm und Heinrich, die am Abend vorher angekommen waren, und wurde aufs herzlichste trotz der für einen Besuch etwas ungewöhnlichen Abendstunde empfangen; die Herrschaften besahen gerade große Photographien nach Fr. Geselschap's Kartons zu seinen Wandbildern in der Ruhmeshalle, die Prinz Wilhelm mitgebracht hatte.
Kronprinz Friedrich Wilhelm
1887
Ich fand den Kronprinzen stark gebräunt und so wohl und gesund aussehend, wie nur je in seiner besten Zeit, aber seine Stimme klang heiser wie im Winter. Der hohe Herr begrüßte mich mit den Worten: "Nun lassen wir Sie aber so bald nicht mehr fort", und wiederholte mehrfach im Laufe der Unterhaltung: "Krank bin ich ja gar nicht, fühle mich auch nicht krank", was mich natürlich aufs freudigste überraschte und befriedigte. Die Frau Kronprinzessin fragte, ob ich nicht mein Cello mit auf Reisen nähme oder ob ich nicht in der Nähe eines bekommen könnte, und ich gewann aus ihren Äußerungen und der Stimmung in ihrer Umgebung den Eindruck, daß alle der besten Hoffnung für die Genesung des Kronprinzen waren. Die Frau Kronprinzessin, die sich dem Studium medizinischer Werke über Halskrankheiten mit eindringlichem Eifer gewidmet hatte, war der festen Überzeugung, daß es sich nur um die Heilung der Wunden des durch drei oder vier Operationen beschädigten Stimmbandes handele, und daß deshalb der Kronprinz vor allem vor Erkältungen und Entzündungen der oberen Luftwege zu behüten sei. Die beiden Ärzte, Dr. Schrader und Dr. Hovell, hatten zunächst die Aufgabe, täglich sorgfältig die Temperatur- und Windverhältnisse festzustellen, ehe der Kronprinz in den Garten ging oder eine Spazierfahrt unternahm, im übrigen hörte ich in den folgenden Wochen nur indirekt, daß die Herren Ärzte nach ihren täglichen Untersuchungen neue bösartige Wucherungen im Halse nicht festgestellt hätten, und es wurde dadurch bei mir die günstigste Meinung von dem Befinden des Kronprinzen erweckt, die durch sein Aussehen nur bestärkt wurde. Schon am anderen Tage schrieb ich an meine Frau: "Wenn sich der Kronprinz nur erst mal dazu zwingen könnte, weniger zu sprechen, seine ganze Umgebung klagt darüber, daß er sich nicht genug diesen Zwang auferlegt. Ja, wenn er nur annähernd so leidend wäre, wie seinerzeit Professor Bracht, so könnte man besorgt sein, - aber was schadet im schlimmstem Falle selbst eine heisere oder belegte Stimme? Der alte Professor Eduard Bendemann ist Jahre lang vollkommen heiser gewesen und hat nach und nach seine Stimme wieder bekommen und Herr v. Hülsen (der Generalintendant) war immer heiser." Der Vergleich mit Professor Bracht fiel mir ein, weit dieser, als er vor fünf Jahren nach Berlin kam, an Halsentzündungen längere Zeit so schwer gelitten hatte, daß er sich in einer Nacht nur dadurch, daß er mutvoll einen Teelöffel in den Schlund hinabführte, vor dem Ersticken hatte bewahren können.
Der Kronprinz sollte so wenig wie möglich sprechen, aber auch vor allem in guter Stimmung erhalten werden, die aber immer in Frage gestellt war, wenn der hohe Herr sich in die abends eintreffenden Zeitungen vertiefte, die ihm doch nicht gänzlich unterschlagen werden konnten. Die Frau Kronprinzessin und Prinz Heinrich baten mich deshalb, so viel als möglich zur Unterhaltung bei Tisch, beim abendlich en Zusammensein im Salon und bei Spaziergängen mit dem Kronprinzen beizutragen, um ihn selbst vom Sprechen abzuhalten. Ich war bestrebt, dafür stets nach heiterem oder solchem Unterhaltungsstoff zu suchen, der ihn zu interessieren und seine Gedanken von Grübeleien über sein Leiden und die Zukunft abzulenken vermochte und war glücklich, wenn dann auf seinem Antlitz sein bekanntes sonniges Lächeln erschien. Es war eigentlich gegen die höfische Sitte, weil bei Tisch naturgemäß der Kronprinz in der Regel selbst die Unterhaltung führte und seine Umgebung mit Ausnahme der Frau Kronprinzessin sich mehr schweigend und zuhörend verhielt, aber hier war eine Ausnahme am Platze.
Dem Wunsche der Frau Kronprinzessin entsprechend ließ ich mir mein Cello schicken, um mit Prinzeß Viktoria und der Gouvernante Miß Green, die Klavier und Prinz Heinrich, der Geige spielte, gelegentlich musizieren zu können. Das Cello kam zwar etwas verspätet an, - ebenso wie die dienstlichen Akten, die mir nachgeschickt, an der italienischen Grenze aber immer erst geöffnet und untersucht wurden, - aber es diente doch noch einige Zeit für Duo- und Trio-Musik, und es bewegte mich eines Abends aufs tiefste, als ich dem Kronprinzen die Méditations von Bach-Gounod vorspielte und er mit einem merkwürdigen Augenaufschlag sagte: "Gerade wie in Versailles."
In der Begleitung der kronprinzlichen Familie befanden sich in der Villa Clara außer den beiden Ärzten Generalmajor v. Winterfeldt, später Kommandierender des Gardekorps, Graf Seckendorff, der persönliche Adjutant des Kronprinzen Rittmeister v. Vietinghoff, die Oberhofmeisterin Gräfin Brühl und die Gouvernanten Mlle. de Perpignan und Miß Green. Prinz Heinrich wohnte mit seinem persönlichen Adjutanten, Kapitänleutnant v. Usedom, in dem unten am See gelegenen Hotel Bellevue, in welchem ich der Beschreibung und der Lage nach das Hotel wiedererkannte, von dem mir Kaiser Wilhelm in Baden-Baden gesprochen hatte. Prinz Wilhelm war sofort wieder nach Berlin zurückgereist.
Der andere Morgen, als ich in aller Frühe aufwachte, war so strahlend schön, wie ich mich kaum eines anderen je erlebten erinnere. Von meinem Fenster im Grand Hotel Baveno aus schweifte der Blick über den silberglänzenden See, auf dem sich Barken mit gelbem Verdeck schaukelten, über die Borromeischen Inseln hin nach dem in zarten Duft gehüllten gegenüber liegenden Ufer mit dem Sasso di Ferro und der Alpenkette im Hintergrunde. Schon in aller Frühe holten mich Prinz Heinrich und Graf Seckendorff zu einem gemeinsamen Spaziergang mit der Frau Kronprinzessin und den jungen Prinzessinnen ab, der uns die herrliche Straße am Ufer des Sees entlang gegen Stresa zu führte. Zurückgekehrt saß mir zuerst Prinz Heinrich bis gegen 1 Uhr für eine Porträtstudie in der Villa Clara. Die Villa, auf der Anhöhe oberhalb der Straße in einem herrlichen Park gelegen, mit demselben entzückenden Blick über den Lago maggiore wie der vom Grand Hotel Baveno aus, ebenso behaglich, wie geradezu fürstlich eingerichtet, mit einer Fülle von wertvollen Kunstwerken ausgestattet und vor rauhen Winden vollkommen geschützt, gehörte einem englischen Großindustriellen, Mr. Henfrey, der noch eine Villa an der Riviera besaß und diese hier dem Kronprinzen zur Verfügung gestellt hatte. Sie gewährte der kronprinzlichen Familie und ihrer Umgebung eine ganz ideale Unterkunft. Hinter der schloßartigen Villa, die im unteren Geschoß außer der üblichen Halle mehrere Salons, Speisesaal, Billardzimmer und eine gedeckte Veranda nach der Seeseite enthielt, stieg ein großer mit Ölbäumen, Lorbeer, Myrten und Rosenbüschen bestandener Garten zu beträchtlicher Höhe hinauf, von wo aus der Blick über den See immer umfassender und prächtiger wurde. Laubengänge, von Weinstöcken umrankt, die jetzt aus rotglühendem Blattwerk die schweren dunkelblauen Trauben in einer Fülle und Üppigkeit herniedersenkten, wie ich es vordem nie gesehen hatte, boten kühlenden Schatten und die Vegetation rings umher, in der Nähe wie in der Ferne bis nach Pallanza und den Borromeischen Inseln vom tiefsten Schwarzgrün des Lorbeers, der Zypressen und immergrüner Eichen bis zu dem purpurrot, Rostbraun und Goldgelb schon herbstlich gefärbter Laubmassen und den im hellsten Weiß erstrahlenden schneebedeckten Alpen über den tiefblauen See - das alles tönte zu einem Akkord von so berauschender koloristischer Schönheit zusammen, daß ich, die von keinem Windhauch bewegte balsamwürzige reine Luft atmend, nur die Empfindung hatte: "Qui si sana" - seelisch wie körperlich! Mignon's Sehnsuchtslied: "Kennst Du das Land..." war mir noch nie, so lange und so oft ich auch schon früher in Italien gewesen war, so wahr und lebendig geworden, wie hier, wo die wilden Rosen noch in Massen blühten, wo selbst der Herbst melancholische Stimmung nicht auskommen ließ. In diesem herrlichen Garten promenierte der Kronprinz in den schönen warmen Herbsttagen und ich verstand Seine Äußerungen am Abend meiner Ankunft: "Ich fühle mich ja gar nicht krank."
Da ich in jener Zeit viel mit einem nervösen Magenleiden zu kämpfen hatte, das, von Geheimrat Gerhardt als Magenmigräne bezeichnet, mir trotz aller dagegen aufgewandten Energie manche Stunde vergällte und sich besonders unangenehm zuweilen bei Tisch bemerklich machte, so hatte ich Graf Seckendorff angedeutet, daß ich gern im Hotel speisen möchte, was sich in den ersten Tagen auch durchführen ließ. Außer mir befanden sich nur noch zwei Herren als Gäste im Hotel und wir wurden vorzüglich verpflegt. Später aber war ich fast täglich Gast in der Villa Clara und oftmals schickte der Kronprinz, obgleich ich schon an der Mittagstafel zum Abend mündlidh eingeladen war, abends noch einen Lakai nach meinem Hotel hinüber, um mich nochmals einzuladen. Ich konnte, ohne die Landstraße zu benutzen, durch ein dicht neben dem Hotel gelegenes altes Haus, zu dessen Tor ich den Schlüssel hatte, einige Gänge und Treppen hinaufsteigend am Tennisplatze der Villa vorbei von der Seitenfront in diese gelangen, ein Weg, den ich abends auch im Dunklen fand.
An diesem ersten Tage meines Aufenthaltes, am 19. Oktober, forderte mich die Frau Kronprinzessin, nachdem ich Prinz Heinrich nachmittags gemalt hatte, zu einem Spaziergang auf die Höhen oberhalb von Baveno zu einem malerisch gelegenen Granitbruch auf, der von 4 bis 6 Uhr dauerte, an dem aber der Kronprinz nicht teilnahm, weil der Weg etwas beschwerlich und die jetzt schon früh eintretende Abendkühle für den hohen Herrn bedenklich war. Die Natur erstrahlte in der richtigen so oft gemalten und besungenen italienischen Abendbeleuchtung, die in moderner Zeit gern als "Kitsch" im Künstlerjargon bezeichnet wird und verpönt ist, - die liebe Natur kann es ja auch nicht jedermann recht machen. Am nächsten Morgen, 20. Oktober, einem wundervoll warmen Tage, be= gleitete ich schon um 8 Uhr früh die Frau Kronprinzessin mit den Prinzessinnen-Töchtern auf einem Spaziergang auf der Straße nach Stresa, wobei wir dem uns von Stresa her entgegenkommenden Freiherrn v. Reischach, der mir als unübertrefflicher Vortänzer von den Hofbällen her bekannt war, mit seiner jungen Gemahlin, geborenen Prinzeß Margarethe von Ratibor, begegneten, und um 9 Uhr begrüßte ich den Kronprinzen, von dem ich, nachdem mir bis gegen 1 Uhr wieder Prinz Heinrich gesessen hatte, nachmittags eine Porträtstudie in Angriff nahm. Zur Abendtafel war ich in der Villa Clara.
Der Kronprinz war dabei immer liebenswürdig und heiter, wie schwer und trübe wohl auch seine Gedanken nach einem Blick in die angekommenen Zeitungen gewesen sein mögen, denn ihr Inhalt verstimmte ihn naturgemäß im höchsten Grade, weil es sich dabei fast nur um das Für und Wider seiner Behandlung durch englische oder deutsche Ärzte handelte und die Vorliebe der Kronprinzessin für englische Einrichtungen auch verantwortlich für die Kurmethode des Dr. Morell Mackenzie gemacht wurde. Das Betrübendste in dieser trüben Zeit war es, daß das Halsleiden des Kronprinzen, seine ärztliche Behandlung und die sich daran knüpfenden Möglichkeiten in den Zeitungen zu einer politischen Parteifrage gemacht wurden, wobei die Kronprinzessin mit offenen oder versteckten Angriffen überschüttet wurde, die ihren Gemahl aufs tiefste verletzen mußten. Die Frau Kronprinzessin holte deshalb, um den Kronprinzen auf freundliche Gedanken zu bringen, eines Abends den Artikel in der Gartenlaube heraus, den ich 1885 als Erläuterung zu einigen ihrer künstlerischen Studienblätter für die Gartenlaube geschrieben und den der Kronprinz noch nicht gelesen hatte. Als ich ihn in den folgenden Tagen zeichnete und malte, während Rittmeister v. Vietinghoff aus dem III. Teil der "Familie Buchholz" von Julius Stinde vorlas, sah die Frau Kronprinzessin nur zu. Zur eigenen Kunstausübung, die der hohen Frau sonst ein Bedürfnis gewesen war, fehlte ihr in dieser Zeit wohl Ruhe und Stimmung, obgleich sie mir gesagt hatte, daß sie sich darauf freue, die Porträtstudien der Prinzessinnen gemeinsam mit mir zu malen; sie hatte wohl den General v. Winterfeldt porträtiert, war aber sonst in Baveno nicht zum Zeichnen oder Aquarellieren gekommen, wie kurz vorher in Venedig, von wo sie einige ganz vortreffliche Aquarellstudien mitgebracht hatte. Ich erinnere mich unter ihnen besonders einiger Studien vom Canale grande mit den großen vor den Palästen aus dem Wasser aufragenden Pfählen, in denen mit sicherem Blick das wirksam Malerische und Schöne erfaßt und mit voller Meisterschaft wiedergegeben war.
Kronprinzessin Victoria
1887
Abends wurde in der Villa Clara zuweilen auch Billard gespielt, wofür aber der Kronprinz, der es bis dahin anscheinend nie geübt hatte, wenig Interesse und Geschick zeigte; Karten schien er überhaupt gar nicht zu kennen und doch wäre eine Partie Whist oder Skat jetzt eine wahre Wohltat für ihn und seine Ungeduld gewesen, weil er dabei nicht zu sprechen brauchte. Nun rief er mich immer zu sich, damit ich ihm vom Künstlerverein, von der Ausstellung, von der Schulreform, von der er gelegentlich des Scipio- und Hannibal-Aufsatzes im vorigen Winter gelesen hatte, und anderen amüsanten Sachen erzähle, während die Frau Kronprinzessin an einem wollenen Cachenez für seinen kranken Hals strickte. Die Stunden, in denen ich die Frau Kronprinzessin zeichnete oder malte und die hohe Frau sich unbeobachtet wußte, waren recht schwere, denn während sie in Gegenwart ihres Gemahls und ihrer Umgebung stets heiter und unbefangen erschien, war es ihr dann ein Bedürfnis, ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen. Was die hohe Frau in jener Zeit gelitten hat, als sie mit voller Überzeugung an die Versicherungen glaubte, die ihr der von ihrer Mutter gesandte Arzt in sträflichem Leichtsinn über die sichere Herstellung des innigst geliebten Gemahls gemacht hatte und dann angesichts der mit aller Rücksichtslosigkeit geführten Zeitungspolemik die Zweifel über sie kamen, die sie aus Innerstem Herzen heraus tapfer niederkämpfte, das hat selbst ihre nächste Umgebung nicht erfahren.
Es würde sich nicht ziemen, alles, was mir die Frau Kronprinzessin in jenen schweren Tagen in vertraulichem Gespräch mitgeteilt hat, an die Öffentlichkeit zu bringen, aber einiges dürfte dazu beitragen, ihr Bild in anderem Licht erscheinen zu lassen, als es damals unter dem Einfluß aufgewühlter Parteileidenschaften möglich war. Vor allem litt sie unter dem Vorwurf unberechtigter Zuneigung für ihr Geburtsland und ihre Bevorzugung englischer Sitten, der ihr von allen Seiten, nach alten Richtungen hin gemacht wurde, und ich selbst teilte zuweiten diese Auffassung, obgleich mir nicht unbekannt war, daß die englischen Lebensgewohnheiten mancherlei Vorzüge besaßen, deren wir uns damals noch nicht erfreuten. Die Frau Kronprinzessin erwiderte mir einst auf eine dahingehende Bemerkung: "Ich bin viel deutscher, als man glaubt und weiß die großen Geister Deutschlands wohl zu schätzen. Aber als ich einstmals bat, mir aus G. E. Lessings Schriften wider den Pastor Goeze vorzulesen, erhielt ich zur Antwort: "Solches Zeug liest man nicht." Und mein Vater und meine Mutter waren ja Deutsche!" Mit schwärmerischer Verehrung sprach sie von ihrem Vater, dem Prinz-Gemahl Albert, und eingehend von dem Unterricht, den er ihr in staatswissenschaftIichen und kirchlichen Fragen erteilt, sowie von den Aufgaben, die er ihr für Aufsätze auf diesen Gebieten gestellt habe, und bezeichnete als eine Folge ihrer Erziehung, daß sie, als junge achtzehnjährige Frau nach Berlin gekommen, unvermeidlich mit den Anschauungen der damaligen Hofkreise in Konflikte geraten mußte, die ihren Höhepunkt schon 1860 beim Tode ihres Vaters erreichten, als ihr geistlicher Zuspruch aufgedrungen wurde. Der betreffende Hofgeistliche scheint sich nicht in besonders geistreicher oder geschickter Weise seines Auftrages entledigt zu haben, denn die junge Frau hatte ihn in vollster Empörung mit den Worten zurückgewiesen: "Wie können Sie es wagen, der Sie meinen Vater nicht gekannt haben, über ihn richten und sich zwischen meine Liebe und meine Erinnerung an den Vater drängen zu wollen!" Der geistliche Herr, von der Nutzlosigkeit seiner Bemühungen überzeugt, hatte sich zurückgezogen. Auch den Hofprediger Stöcker zu hören oder mit ihm irgendwie in Berührung zu kommen, hatte die Frau Kronprinzessin entschieden abgelehnt. Sie war sich auch vollkommen klar darüber, daß sie ihrem ganzen Wesen und ihren Anschauungen nach nicht in die Kreise - besonders die Potsdamer, wie sie sagte - hineinpasse oder sich da nicht hineinzufinden verstände, wo man ihr selbst so wenig Interesse oder Vertrauen entgegenbringe. Aus ihren politisch und kirchlich liberalen Anschauungen machte sie kein Hehl und betonte besonders ihre Hochschätzung für die damalige Berliner Stadtverwaltung und den Oberbürgermeister v. Forckenbeck, sowie für die großen Gelehrten Zeller, Virchow, Curtius, Dubois-Reymond, Helmholtz, v. Hofmann, Mommsen u. a., von denen ihr die meisten persönlich nahestanden und die alle einer mehr oder weniger scharf ausgesprochenen liberalen Richtung angehörten; ebenso erwähnte sie wiederholt, welche Freude es ihr sei, den berühmten Chirurgen Professor Dr. v. Esmarch in Kiel zu ihrem Verwandtenkreise zählen zu dürfen. Die Frage verwandtschaftlicher Verbindungen wurde in jener für das Herz der hohen Frau so kummer- und leidensvollen Zeit von den politischen Parteien und ihrer Presse mit einer Heftigkeit und einem Haß erörtert, der uns heute als ganz unmöglich erscheint
Obgleich ich sowohl durch meine Studien, wie durch die Spaziergänge mit den hohen Herrschaften stark in Anspruch genommen war, gelang es mir doch, am ersten Sonntag meines Aufenthalts in Baveno, am 23. Oktober, soviel Zeit zu gewinnen, um mit einer Barke nach der Isola bella hinüberzufahren und mich für einige Stunden den Genüssen dieses Zaubereilandes hingeben und auch meinen alten römischen Freund H. Corrodi besuchen zu können, der mit seiner Frau im Hotel Beuevue eingetroffen war und eine große Sammlung seiner landschaftlichen Veduten und Studien aus dieser Gegend mitgebracht hatte. Wir besichtigten sie am nächsten Abend bei Prinz Heinrich, der uns zu einer Flasche Capriwein nach dem Souper in der Villa Clara zu sich eingeladen hatte. Es war einige Tage Regenwetter eingetreten, was mir für die Porträtstudien der jungen Prinzessinnen sehr zustatten kam, die begreiflicherweise das Umhertumme.n in der schönen Natur oder das Tennisspiel bei gutem Wetter dem langweiligen Modellsitzen weitaus vorzogen, und ich benutzte auch die beiden Tage des 28. und 29. Oktober, als die Frau Kronprinzessin sich zum Besuche des Königs und der Königin von Italien nach Mailand und Monza begeben hatte, dazu, obgleich ich freundlich eingeladen war, an dem Ausfluge teilzunehmen. Die Frau Kronprinzessin bedauerte bei ihrer Rückkehr Sehr, daß ich nicht all das Schöne, was ihr an Kunstschätzen und Seltenheiten dort vorgeführt worden war, hatte mitgenießen können. Ich in dieser Zeit aber den ganzen Tag über in der Villa Clara mit Malen und Zeichnen beschäftigt, speiste mit dem Kronprinzen um 3 Uhr zu Mittag und auch zu Abend, nachdem er mich wieder mit den Worten dazu eingeladen hatte: "Ist es zu unbescheiden, wenn ich Sie bitte, auch um 8 Uhr mit uns zu essen?"
Am Sonntag, den 30. Oktober, war wieder schlechtes Wetter, es regnete sogar, und ich konnte an den Porträtstudien der Prinzessinnen Sophie und Viktoria weitermalen und verbrachte den ganzen Tag in der Villa Clara, wo am Abend der deutsche Botschafter in St. Petersburg, General v. Schweinitz, eintraf, mit dem der Kronprinz eine lange und lebhafte Unterhaltung über politische Angelegenheiten führte, was die Frau Kronprinzessin wieder für die Stimme ihres Gemahls besorgt machte. Es wurde deshalb zu dem Hilfsmittel einer Partie Billard gegriffen, an welcher der Botschafter teilnahm, und nach dem Abendessen produzierte sich ein deutscher Taschenkünstler, den Prinz Heinrich unten im Hotel Bellevue getroffen hatte.
Nachdem es auch am Montag geregnet hatte, und ich den Tag noch zu allerlei Kostümstudien benutzt hatte, brachte der 1. November früh morgens mit starkem Südwind prachtvolles warmes Wetter, - zum Abschied, denn man war schon beim Kofferpacken. Der Kronprinz saß mir am Vormittag nochmals eine Stunde zu einer Porträtstudie und machte dann in Begleitung von General v. Winterfeldt und mir einen Ausflug nach Omegna am Lago d'Orta. Wir fuhren die erste halbe Stunde im Wagen, stiegen dann aber aus und gingen über zwei Stunden nach Omegna und zurück; die Sonne brannte wie im Hochsommer, und General v. Winterfeldt und ich bemühten uns, durch fortdauernde lebhafte Unterhaltung über alles Mögliche den Kronprinzen am Sprechen zu verhindern. Und wie seine kraftvolle Gestalt so mit sichtlichem Behagen und voller Freude neben uns auf der Landstraße dahinschritt, mit vollem Interesse unseren Erzählungen zuhörend und dann und wann eine Frage oder eine Bemerkung einwerfend - wie hätte ich da glauben dürfen, einem Schwerkranken auf einer ermüdenden Fußtour in glühender Mittagshitze zur Seite zu sein! Entweder er glaubte jetzt selbst an seine Genesung, oder er wußte sich in heroischer Weise zu beherrschen und zu verstellen, denn mir wollte sein Gesichtsausdruck bei unserer Begegnung vor dem Kunstgewerbemuseum nicht aus dem Gedächtnis! Aber wieder: diese blühende Gesichtsfarbe und die strahlenden Augen, die ich in verschiedenen Porträtsitzungen ja aufs eingehendste studiert hatte! Die Partie hatte sich so ausgedehnt, daß man in der Villa Clara schon zu Mittag gespeist hatte und die Frau Kronprinzessin uns mit den Prinzessinnentöchtern auf der Landstraße entgegen kam; der Kronprinz speiste dann mit Winterfeldt und mir allein und füllte nach Tisch noch einen Fragebogen aus, den ich ihm vorgelegt hatte, und dessen Fragen die näheren Umstände betrafen, unter denen er die Leiche des im Gefecht bei Weißenburg gefallenen Generals Abel Douah im Gehöft Schafbusch gesehen hatte.
Auf dem Spaziergange nach Stresa, den ich am Nachmittage des 2. November, dem letzten Tage des Aufenthaltes in Baveno, noch mit der Frau Kronprinzessin, den Prinzessinnen und Graf Seckendorff machte, bat die hohe Frau mich besonders, dazu beizutragen, daß die dem Befinden des Kronprinzen so schädliche Polemik in der Presse über seine Krankheit aufhöre, da ja alles, was für seine Genesung heilsam sei, geschehe, und daß San Remo nach den eingehendsten Erwägungen als geeignetster Winteraufenthalt gewählt worden sei. Sie baute dafür auf den Einfluß des Großherzogs von Baden, zu dem sie unbegrenztes Vertrauen zeigte, und trug mir Grüße an ihn auf, ebenso wie an ihre Verwandten in Darmstadt, wohin ich mich von Karlsruhe aus begeben wollte. Obgleich ich von der Unmöglichkeit überzeugt war, auf die Presse, selbst durch eine schlichte Schilderung meiner eigenen Eindrücke, irgendwie einwirken zu können, versprach ich doch, dem Großherzog von Baden in gewünschter Weise Bericht zu erstatten.
Nach dem Abendessen blieben wir noch bis 10 Uhr bei einer Partie Boule zusammen, und als ich mich verabschiedete, dankte mir der Kronprinz für die vergnügten Stunden, die ich ihm in diesen vergangenen Wochen bereitet hätte und entließ mich mit den Worten: "Grüßen Sie Ihre Frau bestens von mir!" - die letzten, die ich von dem teuren Manne gehört habe.
Ich war tief bewegt und schied mit schwerem Herzen, wenn auch immer noch mit einer Hoffnung, die leider nur zu bald zerstört werden sollte. Am 3. November, früh 7 Uhr, fuhr ich gleichzeitig mit dem Adjutanten Rittmeister v. Vietinghoff, der durch Major v. Raabe abgelöst worden war, mit dem Dampfer nach Laveno hinüber und sodann über den St. Gotthardt, auf dessen Nordseite weniger Schnee tag als bei meiner Hinreise, nach Zürich, wo ich übernachtete, während Rittmeister v. Vietinghoff, direkt über Basel nach Koblenz reifte, um sich bei der Kaiserin Augusta zu melden. Von Zürich über Singen und am Hobentwiel vorbei, der bei mir schmerzlich=wehmütige Erinnerungen an meinen vor Jahresfrist dahingeschiedenen teuren Freund Scheffel wachrief, führte mich die selbst nach den Eindrücken der Hochalpen noch wirkungsvolle herrliche Schwarzwaldbahn am andern Tage nach Kartsruhe. Die kronprinzlichen Herrschaften waren wenige Stunden später nach San Remo abgereist, wo Sie die Villa Zirio bezogen.

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