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Anton von Werner

Vierzigstes Kapitel - 1888

Begegnung mit der Kaiserinwitwe

Am 4. Juli, kaum drei Wochen nach dem Hinscheiden Kaiser Friedrichs, wurde ich von der Kaiserin-Witwe zur Audienz ins Neue Palais berufen. Es war eine schmerzvolle Stunde, diese erste Begegnung mit der von mir so innig verehrten hohen Frau nach dem Tode ihres edlen Gemahls! Sie war aufs tiefste ergriffen und weinte bitterlich, als ich mich über ihre Hand beugte. Der lange schwarze Witwenschleier war zurückgeschlagen und ich sah die Spuren bitteren Grames, den die letzten Wochen ihrem Antlitz eingeprägt hatten. Ihre heiße Liebe für den dahingeschiedenen Gemahl, ihr "Ein und Alles", kam in abgebrochenen, unter Tränen hervorgestoßenen Worten zum ergreifenden Ausdruck. Ich versuchte unter dem Eindrucke meines eigenen Mitleidens zu trösten und zu beruhigen und fragte, ob Kaiser Friedrich in der letzten Zeit viel gelitten, besonders ob er viel Schmerzen zu ertragen gehabt habe. Die Kaiserin erwiderte: "Nein, gar keine. Er war so empfindlich, daß ich ihm den geringsten Schmerz, z.B. Zahnschmerz an Zucken im Gesicht anmerkte, aber die Zerstörung, welche die Krankheit im Halse angerichtet hatte, hat ihm keine Schmerzen verursacht. Er hat bis zum letzten Augenblick unerschütterlich an seine Besserung geglaubt und noch in den letzten Tagen von Charlottenburg aus einen Brief an den Hausminister Grafen Stolberg-Wernigerode unterzeichnet: Ihr in der Genesung befindlicher Friedrich."
Ich hatte im Mai einige Male an die Kaiserin durch Graf Seckendorff Mitteilungen über allerlei Kunstangelegenheiten gelangen lassen, so über die von ihr veranlaßte Dr. Hermann Günther-Stiftung, über Akademie-Bauprojekte u. dgl. m., und sie erzählte mir nun, daß Sie ihrem Gemahl davon Kenntnis gegeben und dieser sich Auszüge aus meinen Briefen habe machen lassen, um sie durch den Geheimen Kabinettsrat v. Wilmowski mit Anfragen an Minister v. Goßler zu übermitteln. Noch bis in seine letzten Tage habe er für diese Angelegenheiten das lebhafteste Interesse gezeigt und sich Notizen für die Zukunft gemacht. Ich versuchte die trüben Gedanken der Kaiserin von der Vergangenheit und Gegenwart ab auf die Zukunft zu lenken, und eigene schaffende Tätigkeit als bestes Heilmittel gegen Kummer und Bitternisse aller Art zu empfehlen; "vielleicht tröstet die Kunst", hatte mir ja Scheffel einst geschrieben, als er von Sorgen und Leiden niedergedrückt war. Als ich an den 20. Mai vorigen Jahres erinnerte, äußerte die Kaiserin, daß sie damals die Befürchtung gehabt habe und fest überzeugt gewesen sei, ihr Gemahl werde die gefährliche Operation nicht zwei Tage überleben.
Ihre Majestät führte mich dann in die neben ihrem Empfangssalon im ersten Stockwerk belegenden beiden Zimmer, in denen sie alles genau so hatte aufstellen lassen, wie es im Arbeits- und Sterbezimmer des Kaisers bei seinem Tode gewesen war, im Arbeitszimmer fehlte nur der große Schreibtisch. Auf dem Bett, in dem der Kaiser gestorben war, lag die kaiserliche Purpurstandarte, die bei der Aufbahrung im Jaspissaal über den unteren Teil des Sarges ausgebreitet gewesen war, einige große Immortellenkränze, u. a. der von den Deutschen in Paris gestiftete, lagen zu Füßen des Bettes auf dem Fußboden. Am Fenster stand das schlichte Stehpult aus Kiefernholz, an dem der Kaiser schon als Kronprinz zu arbeiten pflegte, auf demselben befanden sich einige Briefbeschwerer u. dgl., von denen mir die Kaiserin einen Granatsplitter vom Schlachtfeld von Wörth zur Erinnerung schenkte.
Ich wurde später noch öfter zu Ihrer Majestät beschieden, bevor sie mit den Prinzessinnen-Töchtern am 18. November zu längerem Aufenthalte nach England abreiste. Die schwergeprüfte hohe Frau konnte sich mit dem grausamen Geschick, das ihr den heißgeliebten heldenhaffen Gatten in so tückischer Weife entriffen hatte, nicht ausföhnen und litt vor allem unsagbar unter der Flut von Vorwürfen und Verdächtigungen, mit denen sowohl sie wie Kaiser Friedrich, besonders nach der im September erfolgten Veröffentlichung seines Tagebuches, von Seiten eines Teiles der Presse überschüttet wurden und die ihr Gemüt mit Bitterkeit gegen Welt und Menschen erfüllte. "Welcher Wahnsinn", rief sie wiederholt, "zu glauben, meine Sympathie für England ginge so weit, daß ich deshalb das kostbare Leben meines Mannes hätte aufs Spiel setzen können!" Ich wandte alle mir zu Gebote stehende Beredsamkeit an, um auf die überreizte Stimmung der für tröstenden Zuspruch Unzugänglichen in versöhnendem und beschwichtigendem Sinne einzuwirken, indem ich an ihr Herz wie an ihren Verstand appellierte und auf die Alles beilende Zeit und den Segen der Arbeit verwies, - aber wie es schien ohne Erfolg...-

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