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Anton von Werner

Viertes Kapitel - 1871

Erster Besuch beim Kronprinzenpaar in Berlin

Bald nach meiner Ankunft in Berlin - ich war am 23. März 1871 hier eingetroffen - meldete ich mich bei seiner kaiserlichen Hoheit dem Kronprinzen und wurde eines Tages auch der Frau Kronprinzessin vorgestellt, um meine Skizzen aus Versailles vorzulegen. Ich war zunächst von der Ausstattung der Räume des kronprinzlichen Palais überrascht, die nicht gerade als künstlerisch oder geschmackvoll zu bezeichnen war, sondern den Stempel amtlich phiIiströser Herkunft trug. Besonders der große Salon machte einen geradezu beängstigenden Eindruck. Die weiße Decke flach skulptiert, die Wände blau tapeziert, die Türen mit Portieren aus dunkelblauem Plüsch verhängt, die von versilberten Speeren getragen wurden. Einige große runde Tische mit dunkelblauen Decken mit weißer Bordüre wirkten tragisch düster, wie aus einer Theaterdekoration im fünften Akt von Maria Stuart. An der Schmalwand befand sich ein lebensgroßes Porträt Friedrich Wilhelms III. von Franz Krüger, das in seiner gewiß absolut richtigen Steifheit die Dominante des angeschlagenen Akkordes bedeutete. Erst nach und nach gelang es der Frau Kronprinzessin mit Hilfe ihres kunstverständigen Kammerherrn, des Grafen v. Seckendorff, das Interieur des Palais nach ihrem Geschmack und nach ihrem Sinne umzugestalten.
Ich erwartete die hohen Herrschaften in einem dem großen Salon gegenüber gelegenen, nur mit Sitzmöbeln ausgestatteten Salon. Die Frau Kronprinzessin erschien in Begleitung ihres Gemahls mit ihrem Töchterchen Sophie auf dem Arm, bezaubernd in ihrer schlichten Art und Liebenswürdigkeit, hockte auf dem Teppich nieder, wo ich meine zahlreichen Blätter in Ermangelung eines Tisches ausgebreitet hatte, und betrachtete und kritisierte sie mit unverkennbarer Sachkenntnis, ohne ihr Sophiechen aus dem Arm zu lassen. Der Kronprinz hockte auch auf dem Boden nieder und ich natürlich auch, was ein recht drolliges Bild gewesen sein muß. Eine Reihe von Zeichnungen und Aquarellen der Frau Kronprinzessin, die ich bald darauf sah, überzeugte mich von der außergewöhnlich künstlerischen Begabung und dem technischen Können der hohen Frau, für welche die Liebe und Begeisterung für die Kunst ein wirkliches Lebenselement war.
Was für ein herrliches Paar waren diese beiden Königskinder damals! Von der Natur überreich mit allen guten Gaben ausgestattet und zum Höchsten berufen, was dem Sterblichen geboten werden kann, des Kronprinzen heldenhafte Erscheinung, umstrahlt vom Glanze kriegerischen Ruhmes, die Kronprinzessin im Schmucke der ganzen Anmut jugendlich holder Weiblichkeit. So schienen sie in ihrer Freude am Dasein, im heiteren Lebensgenuß, im Glücke ihres Familienlebens die Verkörperung aller menschlichen Idealität zu sein, und wem es vergönnt war, dem hohen Paare freundschaftlich näher zu treten, der genoß den Zauber dieses Glückes mit! Schon in den ersten Wochen meines Berliner Aufenthaltes wurde ich mehrfach von den hohen Herrschaften mit Einladungen beehrt...

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