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Anton von Werner

Vierundvierzigstes Kapitel - 1890

Die Kaiserin Friedrich als Protektorin der Internationalen Kunstausstellung

Die Kaiserin Friedrich sah ich so oft sie sich im Laufe des Jahres für kurze Zeit in Berlin aufhielt, allein oder in kleinen Soireen in ihrem Palais, zu denen die hohe Frau in der Regel nur einige wenige nähere Bekannte, wie General v. Mischke, Professor Hans Delbrück, Professor Virchow u. a. einladen ließ, und die meist sehr drückend und trübe verliefen, denn die Kaiserin konnte all das Traurige, das sie während der Krankheit ihres Gemahls und während seiner kurzen Regierungszeit, sowie nachher zu tragen und zu erdulden gehabt hatte, noch immer nicht vergessen. Es war ja nicht zu vermeiden, daß auch die politischen Ereignisse dieses Jahres, Moltke's und Bismarck's Ausscheiden aus ihren Stellungen und anderes zur Sprache kamen und ich sah es als meine Aufgabe an, immer zum Guten zu reden und die hohe schwergeprüfte Frau zum Vergessen und zu einer versöhnlicheren Auffassung ihres Leides hinzuleiten. Aber selbst die Verlobung ihrer innigst geliebten Tochter Viktoria vermochte nicht, ihre Stimmung zu bessern und zu heben, und ich war der Meinung, daß irgend eine direkte praktische Tätigkeit für die hohe Frau hier wirksam und am Platze sein würde. Ich erinnere mich nicht, ob damals schon der Gedanke der Gründung eines Kinderkrankenhauses vorlag, bei dessen Ausführung Professor Virchow der Berater der Kaiserin war, aber als die hohe Frau mich mit ihrer Schwester Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein am 20. Oktober in meinem Atelier besuchte, kam mir der Gedanke, ob nicht die als ausübende Künstlerin und Mitglied der Akademie der Künste besonders legitimierte Kaiserin Friedrich einer von maßgebender Stelle aus an sie gerichteten Bitte willfahren würde, das Protektorat der vor zwei Tagen beschlossenen internationalen Kunstausstellung zu übernehmen, was nicht nur für uns überaus wertvoll, sondern auch nach anderer Seite hin von großer Bedeutung sein würde, vor allem würde damit wenigstens ihren Gedanken eine ihren innersten Neigungen entsprechende Beschäftigung gegeben und die hohe Frau vielleicht von Grübeleien trauriger Art abgelenkt werden.
Fürst Bismarck war aus politischen Gründen ein Gegner internationaler Ausstellungen in Berlin gewesen, und ich hatte es natürlich als erste Notwendigkeit betrachtet, mich zu vergewissern, ob regierungsseitig noch dieselben Anschauungen beständen und deshalb, ehe ich weitere Schritte unternahm, die Frage zuerst seiner Majestät dem Kaiser unterbreitet, nicht ohne auf gewisse internationale Bedenken aufmerksam zu machen. Der Kaiser erklärte sich aber in der Unterredung, die er mir dazu am 5. November bewilligte, durchaus mit der Internationalität der geplanten Ausstellung einverstanden und stellte auch die Übernahme des Protektorats seinerseits in Aussicht. Ich erlaubte mir, unter Hinweis auf die vorhin erwähnten gewissen internationalen Beziehungen zu bemerken, daß seine Majestät "weit aus der Schußlinie bleiben müßten", wie ich mich ausdrückte, - eine Vorsicht, die wenige Monate später sich als durchaus angebracht erwies. Seine Majestät erklärte dann, an seine erlauchte Frau Mutter die Bitte richten zu wollen, sie möchte das Protektorat übernehmen, und schon am 13. November erhielt ich die amtliche Mitteilung, daß Ihre Majestät das Protektorat zu übernehmen geruht habe. Nachdem ich ein vorläufiges Programm entworfen und Vorbesprechungen mit Minister v. Goßler, dem Geheimen Kabinettsrat v. Lucanus und Oberbürgermeister v. Forckenbeck gehabt hatte, konnte ich der hohen Protektorin das Programm sowie eine Reihe geschäftlicher Fragen zur Erörterung unterbreiten, und am 1. Dezember wurde das leitende Komitee der Ausstellung von Ihrer Majestät in Audienz empfangen.
Die hohe Protektorin nahm sich der von ihr protegierten Sache mit ebensoviel Umsicht als Erfolg an, und ihr Name wirkte Wunder. Auf der Hochzeitsfeier der Prinzeß Viktoria im königlichen Schloß am 19. November sagte mir der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Stryk; "Wenn die Kaiserin Friedrich bei der Sache ist, so verlangen Sie von der Stadt, was Sie wollen, sie bewilligt alles!" und schon am 5. Dezember, als ich mit Geheimrat Professor Virchow bei der Kaiserin zum Tee geladen war, teilte mir die hohe Frau mit, daß die Stadt Berlin 100000 Mark Zuschuß bewilligt habe. Dasselbe freundliche Entgegenkommen fanden wir im Auslande, namentlich in Italien und England, in Dänemark ebenso wie in Ungarn und anderen Ländern. Als Delegierte sandten wir nach Italien: Albert Hertel, nach Frankreich und Spanien: Felix Possart, nach Belgien: Eugen Bracht, nach England: Ascan Lutteroth, alle unterstützt von der lebhaften Anteilnahme der Kaiserin Friedrich an dem Gelingen der Ausstellung; am 30. Dezember konnte ich dem Kaiser, als er mein Atelier besuchte, melden, daß die Ausstellung gesichert sei, und am 31. Dezember hielt ich dem Kultusminister v. Goßler darüber Vortrag. Seine Majestät hatte zugesagt, die Eröffnung der Ausstellung in Person vorzunehmen. Der heikelste Punkt bei der Internationalität der Ausstellung war die Teilnahme der französischen Künstler, die wir in besonders verbindlicher Form eingeladen hatten, unterstützt - natürlich ganz privatim - von dem französischen Botschafter in Berlin, Mr. Herbette und dem liebenswürdigen ersten Botschaftssekretär Mr. Alfred Dumaine, während in Paris der erste Rat unserer Botschaft, Herr v. Schoen - natürlich auch ganz privatim - sich mit Rat und Tat unserer Sache in dankenswerter Weise annahm.
Obgleich der weitere Verlauf der Angelegenheit ins Jahr 1891 gehört, mag er hier kurz erwähnt werden.
In Paris hatte sich ein Komitee, bestehend aus Detaille, Bouguereau, Lefébvre, Cazin, L'Hermitte und Duez gebildet, Detaille und Bouguereau hatten mir sehr sympathisch geschrieben, und Detaille beabsichtigte, einer Einladung des Botschafters Mr. Herbette folgend, selbst nach Bertin zu kommen, konnte aber infolge des am 1. Februar erfolgten Todes von Meissonier, dem er als Freund und Schüler sehr nahe stand, wie er schrieb, seine Absicht nicht ausführen. Ich hatte, im Namen der Künstlerschaft ein Beileidstelegramm an Detaille gerichtet und der Kaiser ließ der französischen Akademie seine Teilnahme an dem Hinscheiden des großen Künstlers aussprechen. Die Anmeldungen der französischen Künstler waren so zahlreich, daß wir ihnen drei große Säle reservieren mußten, es war alles in bestem Gange und die Kaiserin Friedrich, die am 17. Februar 1891 über Paris nach London reiste, war in Paris überdies selbst durch Besuche, die sie den Ateliers einiger ihr näher bekannter Künstler, wie u. a. Bouguereau, abstattete, für uns tätig. Obgleich nun eigentlich alles Nötige für die Inszenierung einer entente cordiale auf künstlerischem Gebiete bestmöglich geschehen war, so erregte doch der Aufenthalt der Kaiserin in Paris sowie ihre Besuche bei den dortigen Künstlern - über die wir vorher nicht gesprochen hatten - lebhafte Bedenken und ich schrieb an Graf Seckendorff, er möchte jedenfalls dahin wirken, daß Ihre Majestät, wenn sie schon Bouguereau besucht habe, auch den mir als eitel bekannten Puvis de Chavannes, seit Meissoniers Tode Führer der seit Jahresfrist dort entstandenen Sezessionistengruppe, besuchen, um keinerlei Empfindlichkeiten aufkommen zu lassen.
Es war aber zu spät der Nationalbarde Paul Déroulède hatte sich schon als Führer der Patriotenliga der Sache bemächtigt und machte den nötigen Lärm, die französischen Künstler zogen bis auf wenige ihre Zusagen zurück und die Kaiserin Friedrich, die persönliche Insulten befürchten mußte, verließ Paris. In den französischen Journalen erschienen Krieg-in-Sicht-Artikel, man hatte Unter den Linden in Berlin bereits täglich Batterien passieren sehen (die von ihren Fahrübungen in ihre Kaserne zurückkehrten) und der Ernst der Lage erschien unseren westlichen Nachbarn zweifellos. Einige Pariser Journale schickten ihre Korrespondenten zu mir. So "le XIX. Siede" Mr. Routier, und "le Matin" Mr. de Labruyère, die mich nach allen Regeln der Kunst interviewten und sehr überrascht schienen, als ich sie lachend fragte, ob sie wirktich glaubten, daß das Unglück, auf unserer Ausstellung den Anblick französischer Kunstwerke entbehren zu müssen, für uns den casus belli bedeute? Das, was diese Herren über ihre Unterredung mit mir und der vortrefflich unterrichtete Korrespondent des "Figaro", Mr. de Saint Mesmin, über die Frage nach Paris berichteten, schien dort einen wahren Sturm der Entrüstung über die Ungeschicklichkeit hervorgerufen zu haben, mit der man die Politik in eine Angelegenheit gemischt hatte, wo sie gar nicht hingehörte. Ein niedliches Convolut französischer Zeitungen aus jener Zeit, die mir natürlich alle zugesandt wurden, erfreut mich beim Lesen noch heute durch das erhebende Bewußtsein, eine ganze Woche lang "homme politique" für die französischen Journale gewesen zu sein.

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