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Anton von Werner

Vierundvierzigstes Kapitel - 1890

Eröffnung der Internationalen Kunstausstellung

Die Kaiserin Friedrich, die als hohe Protektorin an der Seite ihres kaiserlichen Sohnes an der Feier teilnahm und auf die Bitte seiner Majestät die Ausstellung eröffnete, mochte sich in diesem Augenblicke wohl auch der anderen Jubiläumsausstellung in denselben Räumen vor fünf Jahren erinnern, als ihr unvergleichlicher hoher Gemahl den ehrwürdigen Heldenkaiser in längerer Rede bei der Eröffnungsfeier begrüßte und Kaiser Wilhelm mit dem denkwürdigen Hinweis auf Friedrich den Großen antwortete.
Ich gab mich der Hoffnung hin, daß die Betätigung der hohen Frau bei dieser Veranlassung wenigstens eine gewisse Spannung gelöst habe. Aber wenn sie sich auch von dem Gedanken an die Vergangenheit loszureißen vermocht und ein sie voll beschäftigendes, ihrer hohen Veranlagung entsprechendes Feld praktischer Tätigkeit gefunden hätte, - vergessen konnte sie doch niemals, was das Schicksal ihr geraubt hatte. Davon konnte ich mich jedesmal in den folgenden Jahren überzeugen, wenn die Kaiserin einige Wintermonate in Berlin zubrachte und sich der Erfüllung gesellschaftlicher Pflichten in ihrem Palais unterzog. Auch der folgende Brief an mich dürfte dafür ein Zeugnis ablegen:
 
Schloß Friedrichskron
Cronberg
Taunus
den 10. Juli 1896.
Verehrter Herr v. Werner!
Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihren Brief vom 21. Juni und für die Übersendung des schönen und wertvollen Werkes, welches als Andenken an die Jubelfeier der Akademie der Künste hergestellt worden ist. Bei dieser Gelegenheit darf man Ihnen auch wohl einen Glückwunsch zu dem Erfolg Ihrer 20jährigen regen und angestrengten Tätigkeit aussprechen. - Der Inhalt des mir übersandten Buches wird gewiß besonders fesselnd für mich sein und ich freue mich darauf, es gründlich zu studieren. Auch der schöne Einband ist ein erfreuliches Zeichen für die Fortschritte, die auch auf diesem Gebiete bei uns gemacht worden sind.
Sie kannten wohl das lebhafte Interesse, welches unser früh verstorbener Kaiser für die Kunstbestrebungen seines Vaterlandes hegte und haben es selbst erfahren, mit welchem Wohlwollen er Künstlern entgegenkam und hervorragende Talente zu würdigen wußte. Sie wissen, welche Fürsorge er dem Kunstleben der Nation hätte angedeihen lassen, wenn es ihm beschieden worden wäre, länger und mit voller Kraft seines Amtes walten zu dürfen. Ihn mit meinen schwachen Kräften hierbei zu unterstützen wäre mir Stolz und Freude gewesen. Auch fernerhin werde ich nicht aufhören, in dem Gedanken an ihn herzlich teilzunehmen an dem, was auf diesem Gebiete an Gutem geleistet wird, wenn auch leider viel nutzen zu können mir nicht beschieden ist. Niemand wird sich aber mehr über das Gedeihen und die Entwicklung unserer deutschen Kunst freuen als ich, - und an dem Anteil, den unsere Berliner Akademie an diesem Fortschreiten sich zuschreiben darf.
In der Hoffnung, daß es den Ihrigen gut geht, bin ich
Ihre
V. Kaiserin und Königin Friedrich."

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