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Anton von Werner

Sechstes Kapitel - 1873

Künstler und Gelehrte am kronprinzlichen Hof

Die kronprinzlichen Herrschaften beehrten uns in diesem Winter, wie auch schon früher, gelegentlich ihrer Spaziergänge am Kanal entlang öfter in unserem Heim am Lützowufer mit ihrem Besuche und bezeugten durch die freundschaftliche Neigung, die sie uns persönlich widmeten, daß ihr Interesse nicht ausschließlich meiner künstlerischen Tätigkeit galt, welche die Herrschaften übrigens ebenso häufig in mein Atelier am Karlsbad 21 führte, wo sie oft stundenlang verweilten, um sich von den Fortschritten meiner Arbeit am Proklamierungsbilde zu überzeugen und über Kunst zu plaudern.
Unvergeßliche Stunden!
Die Frau Kronprinzessin sandte auch zu wiederholten Malen ihre beiden ältesten Söhne, die Prinzen Wilhelm und Heinrich, mit ihrem Lehrer Dr. Hinzpeter in mein Atelier, um den jungen Herren das Verständnis für die Kunst näher zu bringen, wobei Prinz Wilhelm mich eines Tages mit sehr drastischen Bemerkungen über das Siegesdenkmalsbild überraschte und ergötzte.
In manchen Kreisen wurde der hohen Frau ihr zwangloser Verkehr mit Künstlern und Gelehrten und die Bevorzugung, die diese anscheinend genossen, sehr verdacht, und es sind mir einige Äußerungen und Vorkommnisse aus jenen Kreisen in Erinnerung, die das in amüsanter Weise bezeugen.
Allerdings sah man im kronprinzlichen Palais im engeren Kreise häufiger Künstler wie Adolf Menzel, Reinhold Begas, A. Hertel, P. Meyerheim, A. v. Heyden, Otto Knille, Gustav Richter, J. Joachim, ebenso wie Helmholtz, W. v. Hofmann, Virchow, Zeller und andere Gelehrte, als Herren und Damen aus den Kreisen der Hofgesellschaft, und die Frau Kronprinzessin machte auch kein Hehl daraus, daß die offiziellen geselligen Pflichten ihr weniger Freude bereiteten als ein Atelierbesuch oder ein Abend im kleineren Kreise, wie etwa im Salon der Gräfin Schleinitz. Ganz besondes freundlicher Aufnahme erfreute sich der liebenswürdige H. v. Angeli, als er ins Neue Palais als Gast berufen wurde, um die Porträts des Kronprinzen und der Frau Kronprinzessin zu malen. Vorzüglicher Maler geschulter Sänger, vollendeter Kavalier, ein moderner Van Dyk, brachte er mit seinem munteren Wiener Wesen und seinem durch keine höfischen Schranken beengten Witz eine neue Note in den kronprinzlichen Kreis in jener damals noch so fröhlichen Zeit. Die kronprinzlichen Herrschaften bewohnten alljährich bis zum 21. November, dem Geburtstage der Frau Kronprinzessin, das Neue Palais in Potsam und empfingen in den Monaten Oktober und November in der Regel jeden Donnerstag eine kleine Zahl von Künstlern oder Gelehrten, um sich mit ihnen nach einem einfachen Souper über Kunst, Literatur, Archäologie - nur nicht über Politik - zu unterhalten. ...
Auch bei den feierlichen offiziellen Veranlassungen fehlten selten Künstler oder Gelehrte an der kronprinzlichen Tafel, und ich erinnere mich u. a. eines glänzenden Diners, bei welchem ich neben Helmholtz dem italienischen General Cialdini gegenüber saß, der nach Berlin gekommen war, um die Thronbesteigung des Königs Humbert anzuzeigen. Die Frau Kronprinzessin war ja immer von hinreißender Liebenswürdigkeit, aber die ganze Anmut ihres Wesens und ihr heiteres Naturell entfalteten sich erst im engeren Kreise, und hier war es von allem der Salon der geistvollen Gräfin Schleinitz, wo die kronprinzlichen Herrschaften gern allwöchentlich einmal einige Abendstunden beim Tee in angeregter Unterhaltung in kleinem Kreise verbrachten. Graf Schleinitz war damals Hausminister und wohnte in dem Mittelbau des schönen alten Palais in der Wilhelmstraße 73, die abendlichen Empfänge fande in einem kleinen an den großen Hauptsaal anstoßenden Salon statt, der nur für wenig Gäste Platz bot. Gelehrte, Künstler und Kunstfreunde bildeten die Gesellschaft, deren Mittelpunkt Kronprinz und Kronprinzessin waren. Die Unterhaltung bewegte sich in ungezwungenster Weise auf heiterem und ernstem Gebiete und stieg bis zur Erörterung hochwissenschaftlicher Fragen, wenn der sonst schweigsame Helmholtz das Wort ergriff oder der berühmte Chemiker W. v. Hofmann z. B. über die südfranzösische Blumenzucht und die Gewinnung von Parfüm aus den Blumen sprach. Adolf Menzel hat 1875 eine solche Abendgesellschaft in einer köstlichen Zeichnung verewigt, die er an mehreren Abenden an Ort und Stelle nach der Natur ausführte und auf welcher außer dem kronprinzlichen und dem Schleinitz'schen Ehepaare Helmholtz mit Gemahlin, die Gräfin Brühl, Graf Seckendorff, Graf Wilhelm Pourtales, Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg, H. v. Angeli und meine Wenigkeit dargestellt sind. ...
Außer am kronprinzlichen Hofe und im Salon Schleinitz begegnete man damals, soviel ich mich erinnere, nur in wenigen anderen den Hofkreisen oder Aristokratie angehörigen Häusern Künstlern oder künstlerischen Neigungen.

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